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22. November 2019

Wochentext von Matthias Krieg / Katz

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«Zum erstenmal, dass ich ihn so einen Blick werfen seh’ …», gähnte der müde Ver­wand­te von irgendwoher. «Ist denn das ein so besonderer Blick?» fragte wütend der Reisende Aron Amtmann, der sich die Wut aber nicht ansehen lassen wollte. «Na, ich danke! Das ist doch ein richtiger Räuberblick», erklärte grossartig der ‘Herr Stu­dent’. Schüchtern fragte ihn eine blutjunge Base aus Sambor: «Woran sieht man denn das, Vetter?» «Das weisst du nicht? So etwas Begehrendes, Selbstvergesse­nes und Sinnliches steckt darin», verriet ihr mit starkem Pathos der damals recht wil­de ‘Herr Student’. «Oho!» flötete die freche Flöte. «Er guckt sie an wie ein Mann», stammelte Malke überrascht. Riwke Singer meinte aufklärend: «Er ist doch ‘n Mann, dein Sohn.»

Herz Wolff Katz, Die Fischmanns, 1938.

Jüdische Hochzeit im galizischen Schtetl. Herz Wolff Katz schreibt seinen Roman be­reits im Pariser Exil, bevor er endgültig nach Übersee entflieht. Verschwundene Welt. Der neun Jahre ältere Roman Vishniac photographiert das Leben in den Schtet­­lach, be­vor sie in Kriegen, Pogromen, Säuberungen für immer unterge­hen. 1983 erscheint sein Bildband, der Roman von Katz 1985. Katz lässt sich inzwischen Henry William nennen, und Vishniacs Bildband macht als Vanished World Furore. Was hier zu se­hen ist und dort zu lesen, ist nicht mehr.

Berühmt waren im Schtetl die Hochzeiten, begehrt auch ausserhalb in den Dörfern der Polen, Ruthenen, Deutschen die jüdischen Musiker. Chagalls Bilder zeigen bei­de, Feste und Spieler, episodisch und bereits mythisch verklärt. Katz fängt ihre Stim­mung in wunderbaren Dia­logen ein: Verwandte von weither sind zur Hochzeit gela­den. Reisen­de, die zufällig da sind, nehmen ebenso teil. Der Student ist auf Hei­mat­urlaub. Alt sind sie oder blutjung, verwandt oder befreundet, sesshaft oder un­ter­wegs. Alle jedenfalls schon reichlich müde vom Fest, das sich hinzieht.

Das junge Paar, das im Zentrum steht, schweigt. Es steht unter Beobachtung. Nichts entgeht der Runde. Klein­ste Vorkommnisse werden kommentiert. Hier der Blick des Bräutigams auf seine Braut bzw. des frischgebackenen Ehemanns auf sei­ne Frau. Dem Verwandten fällt er auf. Den Reisenden, der verliebte Blicke zur Genüge kennt, macht die Bemerkung wütend. Der Student deutet ihn als Räu­berblick. Seine Cousi­ne versteht nicht, was er sagen will, und erfährt, der Blick sei begehrend, selbst­ver­gessen, sinnlich. Das wiederum ruft die Interjektion Oho hervor. Bis schliesslich Mutter Malke überrascht entdeckt, dass ihr Junge gerade zum Mann geworden ist. Der Nachbar bestätigt es ihr.

Die gekonnte Dramaturgie des Dialogs bringt an den Tag, wie diese verschwundene Welt funktioniert hat: Nicht der heilige Ritus macht aus Kindern Frau und Mann, nein, er macht dies nur möglich. Vollzogen wird die Ehe auch nicht nach dem Fest und in der ersten Nacht, denn alle, auch das Brautpaar, sind dann viel zu vollgefressen, ab­getanzt, verladen und müde. Nein, es ist die soziale Umwelt, die beobachtet, wie das junge Paar wagt, was nur Erwachsenen und Verheirateten zu­ge­standen wird: den be­gehrlichen Blick. Im kom­mentierenden und billigenden Dialog wird die Ehe voll­zo­gen, vor der ganzen Ge­mein­­de des Schtetls als Zeugen. Dann dämmerte ein kalter Morgen. Zwei Hähne kräh­ten schrill, und irgendwo in dem kleinen Strody bellte auch ein Hund. Das nächste Kapitel trägt den Titel: Die Liebe beginnt.

Diese Welt ist allerdings nahezu überall in Europa verschwunden: Ehe ist heute pri­va­tisiert. Niemand hat da etwas zu kommentieren. Längst vor der Ehe und oft ohne sie wird sie vollzogen. Religiöse Riten sind immer weniger gefragt. Und Liebe, ja, die Liebe ist zur Vorbedingung der Ehe geworden, aber kein Hahn kräht mehr danach.

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