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03. Februar 2020

Wochentext von Matthias Krieg / Kennedy

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Wen haben Sie verloren? Gott. Keinen Menschen? Er verstand nicht. Aber sie konnte ver­­suchen, sich ihm verständlich zu machen. Mehr als einen Menschen. Jemand, der Al­les war, in allem. Es gab nichts auf der Welt, worin ich Ihn nicht finden und berüh­ren konnte. Alles Erschaffene – ich konnte sehen und riechen, dass es tatsächlich er­schaffen worden war. Ich konnte schmecken, was Er berührt hatte. So gross war Sei­ne Liebe. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn eine so grosse Liebe einen oh­ne vorstellbaren Grund verlässt?

A.L. Kennedy, Gleissendes Glück, englisch 1997.

Menschen verliert man, aber Gott? Nachbarskinder, als es noch keine Schule gab, Schulkameraden, als es noch keine Universität gab, Kommilitonen, als es noch kein Berufsleben gab, Berufskollegen, als es noch keine Rente gab, fast alle sind verlo­ren, aber Gott? Mitreisende, die einem auf einer erlebnisreichen Reise zwei Wochen lang sehr nahe waren, Bettnachbarn, mit denen man nach der Operation stunden­lang über Leben und Tod gesprochen hatte, Hausbewohner, die immer wieder mal mit einem Ei oder einem Liter Milch ausgeholfen hatte, fast immer verliert man sie, aber Gott? Selbst die Ehefrau, mit der man zwanzig Jahre das Leben geteilt hatte, selbst das Kind, für das man schlaflose Nächte überstand, selbst die Eltern, die einst alles für einen taten, selbst die kann man verlieren, aber Gott?

Einen, der Alles in allem ist, den man mit allen Sinnen überall wahrnehmen kann, der mit seinen schöpferischen Händen alles erschaffen und auf allem Erschaffenen sei­nen Fingerabdruck hinterlassen hat, kann man den verlieren? Einen, dessen Liebe alles durchdrungen, der mit ihr den guten Grund von allem Guten gelegt hat, der so sehr liebt, dass er die Liebe selbst ist, kann man den verlieren?

Doch, das kann ich mir vorstellen. Menschen kann ich verlieren. Wie viele habe ich schon ver­lo­ren! Es fällt mir immer dann auf, wenn ich zu einem runden Lebensmo­ment einla­de. Jedes Mal ist die Liste eine andere. Aber es ergibt sich doch jedes Mal wieder eine Li­­ste. Ich habe Menschen nicht nur verloren, sondern auch gewonnen. Andere. Gott kann ich auch verlieren. Es fällt mir immer dann auf, wenn ich beten will und nicht be­ten kann, wenn nur Geprägtes oder Gestammeltes bleibt. Aber ich bete trotzdem, und plötzlich ist er beim Beten wieder da. Derselbe.

Doch, ich kann mir die Lücke vorstellen, die Gott hinterlässt, die Leerstellen, wo er nicht mehr wahrzunehmen ist, das Schweigen, wo er einst zu mir sprach und mir et­was sagte. In den Bra­chen, die dann gottlos auf andere Nutzung warten, in den Lö­chern, die dann gottentleert für anderen Sinn klaf­fen, in den Maschen, die dann gott­befreit anderen Zusammenhalt versprechen, gähnt ein Abgrund, wenn er mich ohne vorstellbaren Grund verlässt. Der verlorene Gott ist mein Abgrund.

Ist aber ein Grund, nur weil er mir nicht vorstellbar ist, auch nicht gegeben? Gibt es nicht, was ich mir nicht vorstellen kann? Ist Sein nur vorstellbares Sein? Macht gar die Vor­stellung solches Sein? Oder um­fasst Gott ganz ohne mich Grund und Ab­grund, Fülle und Lücke, Wahr­nehmbares und Leerstelle, Re­den und Schweigen? Ist er gar als der Unvorstellbare vorstellbar? So dass hinter jedem vorstellbaren Gott, der ver­blasst und verdunstet, ein un­vorstellbarer Kontur gewinnt, die sich irgendwann ausprägt zum Bild, sinnlich wieder zu sehen, riechen, schmecken und all­mählich Al­les in allem wird, allumfassende Liebe gar, bis er sich verliert und meine Vorstellung wieder verlässt wie ein Film das Kino? Das nicht schon deshalb kein Kino mehr ist, nur weil gerade kein Film verfügbar ist und kei­ne Vorstellung läuft?

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22,2; Mk 15,34). Der Verschwundene bleibt mein Gott, und meine Vorstellung des Unvorstellbaren bleibt mein Bild von ihm.

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