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19. Dezember 2019

Wochentext von Matthias Krieg / Bamm

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Nach drei Minuten hörten wir den nächsten Abschuss. Der Einschlag lag diesmal et­was näher. Wieder sahen wir einander an. Alle drei waren wir alte Soldaten. Das Merk­mal des alten Soldaten ist, dass er vermeidbare Risiken vermeidet. Es war Zeit, in den Keller zu gehen. Der zweite Satz ging zu Ende. Sollen wir, oder sollen wir nicht? Mitten im dritten Satz hörten wir den dritten Abschuss. Ich fragte Mokassin: Willst du nicht lieber in den Keller gehen? Mokassin sah mich böse an: Meen’ Se, ick wär nich’ musikalisch? Na, mein Tapferer, nicht gleich einschnappen! Prost! Wir tran­ken. Mokassin schenkte wieder ein. Das Scherzo war zu Ende. Regau sagte: Jetzt kommt das schönste Stück Musik, das es auf der Welt gibt. Die Posaunenchöre im vierten Satz! Das ist wie von Engeln gespielt.

Peter Bamm, Die unsichtbare Flagge, 1952.

Die Szenerie ist grotesk und skurril. Peter Bamm, Schriftsteller und Chirurg, befindet sich in Heiligenbeil am Frischen Haff, südwestlich von Königsberg. Es ist sein letztes Laza­rett. Die Kesselschlacht von Heiligenbeil währt vom 26. Januar bis zum 29. März 1945. Nun nähert sie sich ihrer entscheidenden Phase. Sech­zehn Divisionen sind aus­sichtslos eingekesselt von sechs Armeen, die un­auf­­halt­sam vorrücken. Im Febru­ar hatte Bamm noch grauenhaft viel Arbeit. Täglich wurden bis vierhundert Verwun­de­te ein­geliefert, dreizehntausend in einem Mo­nat. Nun gibt fast nichts mehr zu tun. Der Krieg fällt in Agonie.

Bamm sitzt mit zwei Mitarbeitern in der Villa eines Fabrikanten. In der Hal­le des Flug­zeugbauers befindet sich das Lazarett. Ihr Besitzer ist längst im si­che­ren Westen. Im Salon hängen Ölgemälde. Die drei finden eine Kaffeemaschi­ne und ein riesiges Gram­­mophon. Auch Cognacgläser sind zur Hand. Die letzte Fla­sche macht die Run­de. Während sie in Clubsesseln andächtig der Musik lauschen, pfeifen grosskalibrige Geschosse über die Villa hinweg. Immer nä­her kommen die Russen. Nach sechs Jah­ren Russlandfeldzug erkennen die Män­ner jede Gefahr am Ton. Bruckners dritte Symponie in d-moll liegt auf. Sie hat vier Sätze und dauert sechzig Mi­nuten. Draus­sen wird es brenzlig, doch drin­nen nähert sich die Apotheose im letzten Satz. Der eng­ste Mitarbeiter findet ihn das schönste Stück Musik, das es auf der Welt gibt. Er hört Engel die monumentalen Po­saunen­chöre spielen. Bamms Faktotum, hörbar eine Berliner Schnauze, will nicht in den Keller. Sie hören alles zu Ende.

Typisch für Bruckner, überlagern sich im vierten Satz gegensätzliche Mo­­ti­ve: Wäh­rend Bläser ernste Choralthemen vortragen, tänzeln Streicher in einer Polka daher. Bamms Kollege empfindet dies als eine sinnvolle Gestaltung des Satzes ‘Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen’. So entsteht ein grosser Bogen von der klösterli­chen Antiphon Media vita in morte sumus aus dem elften Jahrhundert über Luthers Verdeutschung im Gemeindelied Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen, das zu seiner Zeit den Schwarzen Tod um sich wusste, bis zur Gegenwart im Kriegs­kessel am Haff, wo im Zusammenspiel von Bruck­ner­musik und Stalinorgel ein neuer Totentanz entsteht, grotesk und skurril.

Antiphon, Lutherlied, Brucknersymphonie: Bildung und Erinnerung schenken dem tod­geweihten Trio ein terminales Erlebnis. Der Krieg ist in Agonie. Die Welt geht un­ter. Das Inferno steht vor der Tür. Bamm und seine Mitarbeiter verbringen ihre letzte Stunde. Ein letztes Stück Kosmos blitzt auf im Angesicht des Chaos.

Übrigens: Achtzigtausend deutsche Soldaten sind in diesen zwei Monaten gefallen oder schwer verwundet worden. Fünfzigtausend gingen in Gefangenschaft. Bamm ent­kam in letzter Sekunde mit einem Sprung aufs abfahrende letzte Boot nach Pillau und von dort mit einem der letzten Schiffe nach Kopenhagen. Dem Tod entwischt.

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