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21. September 2015

Was kommt nach der Postmoderne?

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Peter Fischli & David Weiss: Mick Jagger und Brian Jones gehen befriedigt nach Hause nachdem sie “I can’t get no satisfaction” komponiert haben.

TUNE IN 142: Peter Fischli & David Weiss – Die Welt, in der wir lebenPlötzlich ist diese Übersicht (1981) eine Sammlung von ungebrannten Tonfiguren, die verschiedene Ereignisse quer durch die Menschheitsgeschuchte fiktiv nachstellen.

Einige Figuren sind mit akribischer Detailgenauigkeit gestaltet, andere nur grob und fast skizzenhaft gestaltet.

Wie der ursprünglich vorgesehene Titel – “Die Welt, in der wir leben” – implizierte, stellt dieses Panorama von miteinander verwobenen, der subjektiven Sichtweise der Künstler entspringenden Ereignisse mit ihren grösseren und kleineren Anordungen von Geschehnissen die Frage in den Raum, was “leben” heisst.

1981 wurde die 200 Objekte umfassende Installation zum ersten Mal gezeigt. Eine neue Version ezigte 2006 rund 90 Exponate.

In interessanten Debatten wird heute die Frage diskutiert, was nach der Postmoderne kommt. Was versteht man unter Postmoderne? Der Turiner Philosoph Maurizio Ferrari nennt folgende Merkmale:

1.Ironisierung: Jede Theorie wird ironisiert und in Anführungszeichen gesetzt, weil man dahinter einen Dogmatismus verdächtigt. Man verabschiedet sich von den grossen “Erzählungen” wie z. B. dem “Christentum”. Man huldigt einer Pop-Philosophie, für die nichts mehr sakrosankt ist.

“Nichts ist so erhaben, dass es nicht der Kritik unterzogen werden könnte, und nichts ist so trivial, dass es nicht der philosophischen Betrachtung wert wäre” (Ferraris). Das gilt auch für die Kunst, wo das Banalste oder der “Trash” plötzlich zum Kult wird und umgekehrt ein kunsthistorisch bedeutungsvolles Porträt mit einem Schnurrbart versehen.

2. Entsublimierung: Vernunft und Verstand gelten als eine Form der Herrschaft. Man hofft auf Befreiung, die aus den Gefühlen und rein Körperlichen kommt. Moralische Argumentationen werden mit dem Satz gekontert: “Was ist daran schon Schlechtes?” Und dieser Satz kann nicht mehr hinterfragt werden.

3. Deobjektivierung: Es gibt keine Fakten, sondern nur Interpretationen von Fakten. Die Wahrheit gibt es bestenfalls im Plural. Der Ruf nach dem philosophischen Zweifel (von Descartes) wird falsch verstanden und zum allgemeinen Denk-Prinzip erhoben.

Das bedeutet auch, dass das wirklich Zweifelhafte auf die Stufe der Wahrheit gestellt wird. “Auf die Wissenschaft angewendet, bedeutet der Grundsatz, dass sich der Arzt nicht mehr vom Schamanen und der Astronom nicht mehr vom Astrologen unterscheiden lässt.” (Ferraris)

Es ist natürlich problematisch, eine Denk- und auch Kunstrichtung so knapp und schematisch zu umreissen. Was man Postmoderne nennt, ist viel komplexer und auch nicht in allen Punkten negativ zu beurteilen. In der Kunst hat sie beispielsweise mit dem Ruf “Anything goes!” den dogmatischen Avantgardismus hinter sich gelassen.

Was kommt nach der Postmoderne? Ferraris spricht von einer “ontologischen Wende” in der Philosophie. Ontologie bedeutet: Die Welt hat ihre Gesetze; und man muss sie achten.

Nun zeichnet sich ein grosser Umbruch ab. Seit Immanuel Kant widmet sich die Philosophie, wenn sie nach der Wahrheit fragt, vor allem der Epistemologie, der Erkenntnislehre. Wie kann der Mensch etwas erkennen? Diese Frage führte Kant und seine Nachfolger immer weiter weg von verlässlichen Aussagen über die Dinge (über das “Ding an sich”).

Nun wagt die Philosophie es neuerdings wieder, sich mit ontologischen Fragen zu befassen. Damit wird auch der postmoderne Satz “Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen” in Frage gestellt.

Was heisst das für die Kunst? Es gibt unterschiedliche Formen von Postmoderne in der Kunst – bzw. in den verschiedenen Kunst-Sparten. Wir können darauf nicht eingehen. Interessant ist nun, dass es da und dort eine neue “Hinwendung zur Wirklichkeit” gibt, die mit dem korrespondiert, was in der Philosophie geschieht.

Die oben beschriebene Ausstellung der Schweizer Künstler Fischli/Weiss signalisiert eine neue, nicht-ironische, aber humorvolle Annäherung an die Alltags-Realität. Zudem wird am gezeigten Objekt deutlich: Der Künstler ist selber Teil des Alltags und wird nicht als Held dargestellt.

“Lebensnähe und Zugänglichkeit” – mit diesen Worten umschreibt die Kuratorin Bice Curiger das Werk von Fischli/Weiss, in dem sie eine Abkehr von der Postmoderne sieht. Kunstphilosophen stellen schliesslich auch fest, dass heute vermehrt der “Prozess des Kunstwerks” und der “Künstler selbst” in den Mittelpunkt rückt. Man kann dies mit dem “Ruf nach Authentizität” verbinden.

Was hat dies nun mit dem Glauben zu tun? Wie Johannes 1,1 sagt: Glaube ist kein Dogma, sondern beruht auf einer Tatsachen-Erfahrung. Wahrnehmung der Wirklichkeit (wie sie in der Bibel beschrieben ist und vom glaubenden Menschen erlebt wird) ist für das Christentum zentral.

Denn Gott wurde in Jesus Christus Mensch und erfahrbar. Wenn es stimmt, dass die Postmoderne an Kraft verliert, eröffnet dies neue Perspektiven für eine Theologie, die eben von dieser erfahrenen Wirklichkeit ausgeht. Und für jeden echten Glauben an den inkarnierten Gott Jesus Christus.

Neue Perspektiven: im Dialog mit den Menschen, die nicht mehr dogmatisch-postmodern, das heisst relativistisch denken. Und auch neue Perspektiven für den Künstler, der sich auf die “erfahrene Wirklichkeit” bezieht und mit seinem Werk zum Gespräch darüber anregt.

PS: Zum Thema “Kunst bringt die Wirklichkeit der Glaubenserfahrung ins Gespräch”: Wir bereiten wieder eine “Nacht des Glaubens. Festival für Kunst und Kirche” vor. Bitte notiert euch den 2. Juni 2017. Ort: Basel. Man kann sich auch künstlerisch einsetzen! s. www.nachtdesglaubens.ch


TUNE IN 142 vom 21. September 2015  | Unser Text ist von Text: Dr. Marcel Zwitser | Übersetzung von Beat Rink, Präsident von ARTS+ | Weitere TUNE INs findest Du hier

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