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28. September 2015

Was kommt nach der Postmoderne?

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TUNE IN 143: Was kommt nach der Postmoderne? Jan Vermeer, The Milkmaid 1658–1660

Den schottischen, in Würzburg lebenden Musiker Bill Buchanan kennen unsere Leser als Übersetzer. Hier möchten wir ihn selber näher vorstellen und seine Ansichten zum Thema “Schönheit” erfahren.  

Bill, du bist in verschiedenen Kunstsparten zuhause. Zunächst in der Musik, aber auch in der Literatur und überhaupt bist du ein Kulturkenner “par excellence”. Welche drei Kunstwerke kommen dir beim Stichwort “schön” in den Sinn? Es ist äusserst schwierig, nur drei Werke auszuwählen, weil ich glücklicherweise über all die Jahre hinweg eine Flut von “Schönheit” geniessen durfte.

Werke aus den verschiedensten Sparten haben mich tief berührt, zum Beispiel Vermeers Gemälde “Dienstmagd mit Milchkrug”, T. S. Eliots “Präludien” und das 1. Kyrie aus Bachs Messe in h-Moll.

Wie würdest Du in knappen Sätzen formulieren, was “Schönheit” heisst? Oder anders gesagt: welche “schönen” Komponenten sprechen Dich in einem Werk besonders an? Es ist zwar spannend, Kunstwerke zu analysieren und sie miteinader zu vergleichen. Aber ich glaube nicht, dass man analytisch den Unterschied zwischen einem nur mittelmässigen Werk und einem unvergesslichen Meisterwerk je wird erklären können. Das Urteil bleibt letztlich immer subjektiv.

Die Wirkung, die Schönheit auf mich hat, lässt sich am ehesten mit einem “inneren Erwachen” beschreiben. Wenn ich etwa Vermeers “Dienstmagd mit Milchkrug” betrachte, sehe ich zunächst eine höchst “normale” Szene. Aber das “Normale” wird hier in ein Wunderwerk verwandelt.

Mich erfassen Bewunderung, Erstaunen und Ehrfurcht. Ich bleibe stehen und betrachte das Bild fast ungläubig. Oft erlebe ich dort Schönheit, wo Dinge sozusagen perfekt miteinander harmonieren: sei es beim Anblick einer Gruppe von alten Häusern, die mit der ländlichen Umgebung verschmilzt oder wo Blätter, Blüten und Vogelgezwitscher eine vollkommene Einheit bilden, was ja normalerweise nicht als “Kunst” gilt.

Aber auch dort entsteht für mich Schönheit, wo sich der menschliche Geist auf besondere Weise Ausdruck verschafft, wo etwa nach langem Kampf Freude aufbricht. Dies kann auch unter völlig “unperfekten” Vorzeichen geschehen, wenn etwa ein körperlich behinderter Sportler eine gute Leistung zeigt oder wenn jemand mit erheblichen Lernschwierigkeiten es schafft, ein Musikstück ganz wiederzugeben.

Zu deinem eigenen Werdegang: Wann hast du selber die “schönen Künste” entdeckt? Wie bist du Musiker und schliesslich auch Literaturkenner geworden? Mit etwa 13 Jahren begann ich zu merken, dass Kunst in ihren verschiedenen Ausprägungen etwas Notwendiges ist. Obwohl alle dachten, ich würde einmal in die Fussstapfen meines Vaters treten und Physiker werden und irgendwie hatte ich mich damit schon selber abgefunden – realisierte ich, dass Kunst und Literatur für mich zu einer unerschöpflichen Quelle geworden waren.

Bis zu einem gewissen Grad wurden sie meine “Verbündeten”. Ich teilte mit ihnen Gedanken und Gefühle, wie es das Leben sonst nicht zu bieten schien. Meine Eltern waren besorgt und versuchten, meine musikalische Tätigkeit einzuschränken – sie sollte nichts weiter als ein schönes Hobby sein.

Dazu kam eine stark religiöse Komponente. Eine schwere Hirnhautentzündung war wohl dafür verantwortlich, dass meine Gedanken in diese Richtung gingen, denn ich erlebte nach dieser überstandenen lebensbedrohlichen Krankheit ein neues Frühlingserwachen. Es war wie ein neues Leben und seit damals wurde die Aussicht auf das ewige Leben ein Teil meines Denkens. Kunst spiegelt für mich auch diese ewige Qualität wieder. Shakespeare war natürlich ein großer “Begleiter”; er schien das alles zu verstehen.

Spätere Einflüsse kamen unter anderem von Augustinus: Mich faszinierte seine einfache und direkte Kommunikation mit Gott, in der alle Gedanken,Wünsche, Irrtümer und Schwierigkeiten Platz hatten. Er hinterliess in meinem Verstand eine Art Landschaft. Obwohl ich die meisten seiner Streitpunkte vergessen habe, sind mir seine leidenschaftliche Liebe und seine Anbetung Gottes, der die Quelle aller Schönheit ist, in Erinnerung geblieben. Schöne Kirchenmusik konnte Augustinus zu Tränen rühren; er erkannte aber auch die Gefahr, dass Schönheit zum Gottesersatz werden konnte. Trotz seiner ungelösten Fragen vermittelt uns Augustinus auf wundervolle Weise, was es heisst, von Gottes Schönheit völlig überwältigt zu sein.

Inwiefern und wo hat “Schönheit” für dich etwas mit dem Glauben zu tun?
 Ich empfinde es als Problem, wenn der Glaube ohne “Schönheit” gelebt wird. Etwa dort, wo man sehr auf Korrektheit bedacht ist – oder wo Liebe reduziert wird auf eine Art bewusster Pflichtübung, auf ein Verantwortungsbewusstsein oder auf die Bereitschaft zu praktischer Hilfeleistung – was natürlich sehr wichtig ist.

Faktoren wie Empfindung, Staunen oder Bewunderung, die ich alle mit Kunst verbinde, sollten unser normales Sehverhalten prägen. Wichtig ist auch, dass im Glauben unsere Herzen und nicht nur unser Verstand sich bewegen lassen.

Aber andererseits, wo wir nur subjektiven Impulsen nachgeben, laufen wir ins Chaos.Wir müssen sicher sein, dass wir in der Erkenntnis Christi wachsen und uns mehr nach seiner Ganzheitlichkeit ausstrecken. Ich erinnere mich gern an Augustinus berühmten Ausspruch: “Du hast uns auf dich hin geschaffen, Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.”

So lasst uns Suchende sein, bis wir Frieden und Erfüllung finden – auch künstlerische Erfüllung in Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.  


TUNE IN 143 vom 28. September 2015  | Interview und Übersetzung: Beat Rink, Präsident von ARTS+ | Weitere TUNE INs findest Du hier | Bild: Jan Vermeer, The Milkmaid 1658 – 1660

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