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26. März 2017

Von Christen und Menschen der Kunst

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Es gibt Bücher, die mit einem langweiligen Vorwort beginnen, später aber dennoch eine gute Lektüre bieten. Und es gibt Bücher, die bereits von der ersten Zeile im Vorwort an faszinieren. „Vom Heiligen in der Kunst“ (Originaltitel: „Wegen en grenzen“) ist ein 350-Seiten starkes Buch des niederländischen Religionswissenschafters, Theologen, Ägyptologen und Politikers Gerardus van der Leeuw (1890-1950).
Hören wir auf einige Sätze im Vorwort:

“Wer über Religion und Kunst schreibt, kommt mit Menschen zweierlei Art in Berührung: In erster Linie mit Christen verschiedenster Prägung, in zweiter Linie mit Menschen der Kunst. Beide Kategorien sind ziemlich schwierig im Umgang.
Es gibt Christen, die mit Wonne feststellen, dass ein Bild von Rembrandt zwar ganz schön ist, aber doch ebenso vergänglich bleibt wie die übrige Welt. (…)
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, … die sich einbilden, sie hätten die Kunst gepachtet; für die die Ausübung einer Kunst gleichbedeutend ist mit Gottesfurcht und Kultur und Wissenschaft und ähnlichen erstrebenswerten Dingen. Es gibt Christen, die die Kunst schätzen oder gar lieben, aber die sie sogleich in den Dienst ihrer „Überzeugung“ stellen wollen; die der Kunst erst Einlass gewähren in ihr Leben, nachdem sie sie geweiht haben. Sie sind so sehr daran gewöhnt niederzuknien, dass sie alles mit auf die Knie zwingen. Aber sie haben das Aufstehen verlernt. Und niederknien können Sie nur auf dem Rücken anderer.
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, die in dieser „Weihung” die schlimmste Götzendienerei erblicken. Für sie gibt es nichts Höheres als die Schönheit und eigentlich nichts ausser der Schönheit. Es ist ihnen nicht möglich, den Zusammenhang zwischen Kunst und Leben zu finden, und schon gar nicht zwischen Kunst und Lebensgrenze. Sie stehen stolz und aufrecht da, aber sie können nicht niederknien und eigentlich auch nicht mehr einfach sitzen.
Es gibt Christen, für die die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Schönen und dem Heiligen sich erschöpft in der Frage nach den sittlichen und pädagogischen Anforderungen, die man an ein Kunstwerk stellen muss; für die ein “christliches“ Buch ein Buch ist, in dem nicht geflucht, sondern gepredigt wird, für die “christliche“ Musik eine Komposition ist, frei von den Makeln, die der Oper und dem Tanz (gäbe es ihn nur!) anhaften, und für die ein christliches Bild ein Kunstwerk ist, auf dem jeder ordentlich angezogen ist, und das vorzugsweise biblische Figuren darstellt.
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, für die die Kunst sich erschöpft in einem rein formalen Spiel von Farben und Klängen, von Linien und Formen. Menschen, die, wenn Gott mit Donner und Blitz sein Gesetz vom Sinai herab verkündet, nur Augen haben für die Glut und die Tiefe der Landschaft.
Es gibt… noch viele andere! Ihnen allen wird diese Untersuchung nicht viel zu sagen haben.
Aber ich hoffe, dass es doch auch noch Christen und Menschen der Kunst gibt, die anders darüber denken. Vielleicht einige… grosszügige, humane Christen und einige tiefe, ehrfürchtige Diener der Kunst; Christen, die gelernt haben, in der Erscheinung ihres Herrn die ganze Welt der Erscheinungen zu lieben; Diener der Schönheit, die sich bewusst sind, dass ihre Liebe Ihm gilt, der die Schönheit selbst ist und mehr als die Schönheit. Vielleicht gibt es sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite Menschen, die ihre Knie nicht vor dem Baal gebeugt haben, dem Baal des selbstgemachten Christentums oder der selbstgemachten Kultur, die aber vor Gott niederknien können, immer und überall.”

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