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08. Juni 2015

Psalm 190: “Gib meiner Kunst Erfolg!?!”

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Dürfen wir so beten: “Gib dem Werk unserer Hände Bestand?” Und als Künstler: “Gib meiner Kunst Deine Bestätigung und Erfolg.” So ähnlich lautet jedenfalls der Schluss von Psalm 90, 17. Aber klingt das nicht eher stolz? Stolz würde es dann klingen, wenn die Bitte vom Wunsch getragen wäre, den schon die Turmbauer von Babel sehr deutlich ausgeprochen haben: “Wir wollen uns einen Namen machen.” (Genesis 11, 4 – siehe TUNE IN 124).

Und stolz wäre die Bitte auch im Mund eines Künstlers, wenn er selbst möglichst erfolgreich und berühmt werden möchte. Dies ist tatsächlich eine grosse Gefahr. Es gibt einen feinen, aber sehr deutlichen Unterschied zwischen der Bitte: “Gib MIR Erfolg” und “Gib MEINEM WERK Erfolg”.

Wie begegnet der Psalmschreiber dieser Gefahr? Indem er vor dieser letzten Bitte 16 Verse schreibt, die sehr deutlich machen: Es geht NICHT um den Menschen. Es KANN gar nicht um den Menschen gehen. Denn der Mensch ist Staub und wie Gras, das vergeht (Vers 3ff.) Man denkt dabei an den II. Satz aus Johannes Brahms “Deutschem Requiem” (1861 – 1868).

Der Mensch steht sogar unter dem Zorn Gottes (Vers 7). Zorn Gottes? Das ist typisch “Altes Testament”, mag man da sagen. “Im Alten Testament ist Gott eben zornig.” – Aber das stimmt so nicht. Der “Zorn” Gottes (des unwandelbaren Gottes, der auch heute noch zornig sein kann!) richtet sich gegen alles, was un-göttlich – und das heisst auch: gegen alles, was un-menschlich – ist. Zum Beispiel gegen alles, was den Menschen über-menschlich machen will und was dann eben auch andere zu Untermenschen macht. Der totalitäre Ehrgeiz der babylonischen Turmbauer ist dafür ein treffendes Bild. Oder die Besserwisserei der ersten Menschen. Oder die Eifersucht Kains. Oder die Rache Lamechs…

In Vers 8 ist deshalb folgerichtig von Sünde die Rede. Vers 10 spricht vom Lebensalter des Menschen und von der Mühsal des Lebens. Ein schönes deutsches Gedicht von Matthias Claudius “Der Mensch” gibt die traurige Stimmung dieser Verse treffend wieder. Und die Aussage “Das Leben ist Mühsal und sogar Trug!” werden dort ebenfalls aufgenommen. Bei Matthias Claudius (1740 – 1815) findet sich gar eine grossartige Reihe von Verben: Der Mensch… “glaubt, zweifelt, wähnt und lehret / hält nichts und alles wahr”.

Das heisst: Er kommt vom Glauben in den Zweifel. Der Zweifel bringt ihn dann dazu, sich Dinge auszudenken und sich eine Religion selber zu erfinden (“er wähnt”). Der nächste Schritt ist dann die Lehre, die er darum herum baut. Und so endet er als einer, nichts für wahr hält, weil er eben den Glauben an Gott verloren hat,  und der zugleich alles für wahr hält, weil er keinen festen Orientierungspunkt mehr hat. Die Postmoderne lässt grüssen!

In Vers 11 erreicht das Lamentum über die Verlorenheit des Menschen seinen Höhepunkt, um in Vers 12 zur Bitte zu führen: Lass uns weise werden, indem wir uns unserer Vergänglichkeit bewusst sind. Das ist das Gegenteil von Stolz, der zu unweisem Handeln führen kann. Es ist eine Bitte um Weisheit aus tiefster Demut heraus. Auch hier wird man an das “Deutsche Requiem” von Brahms erinnert.

Die nächsten Verse bitten um ein erfülltes Leben. Wie ist das möglich? Der Psalmschreiber (der Psalm wurde Mose zugeschrieben) weiss: Gottes Zorn weicht der Gnade.

Dies ist nun der grosse Unterschied zu allen anderen Religionen: Der Gott der Bibel ist die Liebe! Weil Gott Liebe ist, ist er zornig über alles, was die Liebe zerstört. Aber weil Gott Liebe ist, ist er auch gnädig. Was Psalm 90 noch nicht wusste: In seiner Liebe wird Gott sich selber strafen – statt uns! Er wird sich vom eigenen Zorn treffen lassen – am Kreuz.

Die Worte in Vers 16, unmittelbar vor der Bitte um ein “erfolgreiches Werk”, setzen noch einmal ein starkes Vorzeichen: Lass uns Deine Werke sehen und Deine Herrlichkeit, “…die alles Menschenwerk unendlich überragt”, möchte man hinzufügen.

Gerade wenn man vor dem Vers 17 auch die Verse 1 – 16 betet,  kann die Bitte um Bestand und Erfolg des eigenen Werks nicht stolz gemeint sein. Man wird nicht bitten “Mach meinen Namen unsterblich! Mach mich zu einem unsterblichen Künstler!” Obwohl – Hand aufs Herz – jeder Künstler gerne einen klingenden und vielleicht sogar unsterblichen Namen hätte… Aber der gläubige Mensch weiss: Ich selber bin vergänglich und mein Name ist bei Gott besser aufgehoben als bei Menschen (siehe Vers 1!).

Dann darf man schliesslich auch um “Bestand und Erfolg des eigenen Werks” bitten. So etwa:

“Hilf, dass mein Werk Bestand hat. Hilf, dass es letztlich an etwas Grösserem mit-baut als ich bin. Vielleicht bin ich nicht dazu berufen, Kunst zu schaffen, die international Aufsehen erregt. Das macht nichts. Segne aber nicht nur das Werk jener, die gross herauskommen, sondern ebenso mein Tun und das Arbeiten all der anderen, die eher  in einem kleinen Kreis wirken. Gib dem so wichtigen Wirken der   Kunst-, Theater-, Tanz- und Musikpädagogen Bestand. Leite jene, die forschen und die als Architekten oder Designer wirken… Hilf, dass unser Tun ein Segen ist. Amen.”


TUNE IN 127 vom 8. Juni 2015 | Unser Text ist von Beat Rink, Präsident von ARTS+ Weitere TUNE INs findest Du hier

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