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08. Mai 2017

Kunst und Weisheit

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Auf der Suche nach „Kunst in der Bibel“ müssen wir nicht lange suchen. Die Bibel selbst ist in weiten Teilen ein literarisches Kunstwerk, und sie berichtet immer wieder von Kunst.

Gibt es eine biblische „Theologie der Kunst“?
Finden wir in der Bibel aber auch eine „Theologie der Kunst“? Nein, nicht explizit. Wir finden jedoch Erzählungen über die Entstehung von Kunstwerken. Und dieser „narrativen Theologie“ lässt sich sehr viel abgewinnen, was zeitlose Geltung hat. Die Schöpfungsgeschichte berichtet von der Entstehung des grössten „Kunstwerks“. Gott tritt hier sozusagen als Künstler auf. Genesis 11 erzählt dann vom lächerlichsten und zugleich verheerendsten Kunstwerk: dem Turmbau zu Babel. Und im 2.Buch Mose lesen wir von der Erbauung der Stiftshütte. Dort (und auch an anderen Stellen) finden wir eine interessante Verbindung zwischen Kunst, Heiligem Geist und Weisheit.

„Und sollst reden mit allen, die eines weisen Herzens sind, die ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe, dass sie dem Aaron Kleider machen…“
(2.Mose 28, 3)

„Siehe, ich habe mit Namen berufen Bezaleel, … und habe ihn mit dem Geiste Gottes erfüllt, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit allerlei Fertigkeit, Erfindungen zu machen und sie auszuführen in Gold, Silber und Erz…“
(2.Mose 31, 2-4)

„Und Gott gab Salomo Weisheit und sehr viel Verstand und Weite des Herzens, wie der Sand, der am Meeresufer liegt. … Und er redete dreitausend Sprüche; und seiner Lieder waren tausendundfünf.”
(1Kö 4,29+32)

Weisheit in Israel
Wo die Bibel von „Weisheit“ spricht, öffnet sich ein weiter Horizont. Es wäre interessant, diesen auch im Blick auf die „Kunst“ auszuloten. Was sagt die Bibel über „Weisheit“, was auch für Kunst und Künstler wichtig ist? Wir gehen dieser Frage hier und in weiteren TUNE INs nach. Der deutsche Alttestamenter Gerhard von Rad (1901-1971) hat mit dem Buch „Weisheit in Israel“ dazu 1970 ein Standardwerk geschrieben.

Weise = nahe an der Wirklichkeit

Er hebt darin zum Beispiel hervor, dass Weisheit immer mit der Lebenswirklichkeit zu tun hat. Sogar die poetischsten Texte der Bibel (die Psalmen) kreisen um die Wirklichkeit und sind „voller Leben“. Biblisch verstandene Weisheit ringt um die Wahrheit – und zwar nicht abgehoben, fern von aller Lebens-Wirklichkeit, sondern mit einem tiefen Bezug zur Realität. Man kann daraus folgern: „Weisheitiche Kunst“, die von Liebe bewegt ist, wendet sich der Realität des Menschen zu.

Wirklichkeits-feindliche Tendezen in der modernen Kunst

Schon im 18.Jahrhundert sagte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau: Die Phantasie hat das Recht, etwas zu schaffen, was noch nicht existiert. Und dieses kann höher bewertet werden, als was tatsächlich existiert. (Confessions II,9). Alles Innerliche ist für ihn wichtig – auch die innere Zeit, und in der Verlängerung dieses Gedankens üben manche Künstler Kritik an der Uhr. Die Uhr steht für etwas, was vorgegeben ist und uns bestimm – und das muss weg! (In den Bildern von Dali gibt es haufenweise schmelzende Uhren.) Besonders im 19. Jahrhundert zeigen sich dann starke künstlerische Tendenzen, die sich bewusst von der Wirklichkeit abkoppeln. So etwa in den Gedichten von Baudelaire, Rimbaud, Mallarmée oder Garcia Lorca.
Und interessanterweise fühlen sich dann immer mehr Künstler von den östlichen Religionen angezogen, die der Wirklichkeit mit grundlegender Skepsis begegnen.

(Andererseits kann selbst der verrückteste Fantasy- oder Science-Fiction-Roman oder eine abstrakte Malerei und erst recht Musik sehr viel über unser Leben aussagen!)

Die Frage ist:
Wo wird Kunst lebensfern und damit sogar lebensfeindlich?
Wo müsste sie neu „weisheitlich“ werden?
Wie erleben wir das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit?

Text: Beat Rink

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