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24. Mai 2017

Kunst und Weisheit III

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Salomon / Amenemope

Christen am Rand?!

Ein Freund von mir, der viele christliche Bücher geschrieben hat, suchte bei einer der weltweit grössten Buchmessen die christlichen Verlage auf. In einer grossen Halle, die für „Religionen“ reserviert war, fand er supermoderne, beeindruckende Stände. Besonders attraktiv präsentierten sich die Esoteriker und die Okkultisten. Nach langer Zeit fand er die Christen. In einem Winkel gab es einen kleinen Sammelstand verschiedener Verlage, der sehr unbeholfen und eigentlich peinlich wirkte. Warum sind wir Christen oft so am Rand? Warum will die Welt unsere „Weisheit“ nicht? Weil die „Welt“ uns nicht mag? Weil da „geistlicher Kampf“ ist? Kann sein. Aber da gibt es noch andere Gründe…

Amenemope in der Bibel
Lesen wir in den Sprüchen Salomos, so fällt auf: Da ist selten von Gott die Rede. Viele Sprüche beziehen sich auf allgemeine Lebensfragen. Ebenso gut könnten sie von einem Nicht-Gläubigen geschrieben sein. Und noch erstaunlicher: In Sprüche 22,17-23,11 finden wir Teile aus dem ägyptischen Weisheitsbuch des Amenemope. Eigentlich seltsam, dass biblische Schreiber ohne Probleme Texte aus einer anderen Kultur und Religion übernehmen konnten. (Immerhin werden darin keine anderen Götter angesprochen) Das heisst: Salomo dachte welt-offen. Denn er wusste: Es gibt Weisheit in der Welt. Aber noch wichtiger: Gottes Weisungen sind eine Hilfe für die Welt.

Weltfremdes Christentum
Diese Offenheit gegenüber der Welt überrascht. Wir vermissen sie in christlichen Kirchen leider nur zu oft. Die Folgen davon sind eben: Christen sind in der Öffentlichkeit kaum präsent. Und wenn sie präsent sind, ist es oft peinlich. Christen haben in der Welt nichts Substantielles zu sagen. Für die Probleme der Welt finden sie entweder keine Antworten oder mischen sich schon gar nicht in den Diskurs ein. Christen bewegen sich in einer Subkultur. Kirchen sind für viele Menschen eine andere, unzugängliche Welt. Christen haben eine tiefsitzende Berührungsangst mit der Welt. Und ganz praktisch: Unsere Kirchengebäude werden immer schöner und teurer, weshalb das Geld für einen guten Auftritt in der Öffentlichkeit nicht mehr reicht.
Besonders Künstler, die sich sowohl in den Kirchen als auch im säkularen Raum bewegen (und gerade jene, die Kunst und Kirche in Verbindung bringen wollen!), leiden darunter.

„Weite des Herzens“
Zurück zur Weisheitsliteratur in der Bibel. Sie ist sehr weltoffen. 1Könige 4,29 nennt dies „Weite des Herzens“: „Und Gott gab Salomo Weisheit und sehr viel Verstand und Weite des Herzens, wie der Sand, der am Meeresufer liegt.“ Wie ist diese „Weite des Herzens“ möglich?

„Furcht des Herrn“
Je tiefer die Wurzeln eines Baumes sind, umso weiter können seine Äste sich ausbreiten. Die biblische Weisheit hat eine sehr tiefe Wurzel: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. (Sprüche 1,7)“ „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang; sie macht alle klug, die sie üben. (Psalm 111,10)“ Man kann „Furcht des Herrn“ modern so übersetzen: Die oberste Lebenspriorität ist Gott und die Liebe zu ihm. Gottesfurcht überwindet die Angst vor der „Welt“. Sie macht mutig! Und sie macht weise!

Mutiges, weltoffenes Christentum
Die Folgen davon sind: Christen wissen, dass die Welt Gott braucht. Christen lassen sich von der Weisheit Gottes und vom Heiligen Geist leiten. Christen werden mutig. Christen werden in der Welt „gehört“ und finden auch für das Evangelium offene Türen. Ich vermute, dass gläubige Künstler darin sogar Vorbilder und Vorreiter für andere Christen sein können.

Herr, gib mir Weltoffenheit. Vergib, wo ich zu ängstlich war und zu wenig gegründet in Dir. Lass mich an Mut, an Weisheit und vor allem in der Liebe zu Dir wachsen. Amen

Text: Beat Rink

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