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13. September 2016

Kunst und Geduld

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Makrothymia ist das griechische Wort für die Geduld Gottes: für Sein grosses „Herz“ und Seinen „langen Atem der Leidenschaft“ (s. TUNE IN 184). Gottes gütige Geduld begegnet uns in fast jedem Kapitel der Bibel – und auch in unserem eigenen Leben, wo wir sie annehmen und an uns wirken lassen. Dadurch erfahren wir selber eine „Herzerweiterung“. Paulus kann die Geduld deshalb zu den Früchten des Heiligen Geistes zählen (Galater 5,22) Auch die Geduld, die ein Künstler aufbringen muss, kann die Färbung der „Makrothymia“ annehmen.

Wie wirkt sich dies aus? Man wird dann nicht etwa nachlässig oder faul oder gibt sich mit schlechter ästhetischer Qualität zufrieden, sondern man wird im Umgang mit seinen Fehlern gelassener. Man wird dazu befreit, sich vermehrt der Entwicklung seiner Stärken zu widmen und nicht nur verbissen seine Fehler ausmerzen zu wollen. Dasselbe gilt wiederum für andere Lebensbereiche ausserhalb der Kunst – vor allem für den Umgang mit anderen Menschen!

Franz Mohr*, der Chef-Konzerttechniker Steinway & Sons, New York, erzählt von seinen Begegnungen mit Arthur Rubinstein (1887-1982), der für seine Fähigkeit bekannt war, auf dem Klavier zuweilen kräftig danebenzugreifen. Rubinstein konnte dies mit Humor nehmen und sagte einmal nach einer Probe, die er aus diesem Grund frühzeitig abbrechen musste: „Ich muss gar nichts dafür tun! Die Fehler kommen von selbst!“ Und ein anderes Mal meinte er zu Franz Mohr: „Es gibt so viele junge Pianisten, die technisch besser sind als ich. Aber es fehlt da“ – und er griff an sein Herz. Zweifellos wusste der Jude Rubinstein etwas von „grossherziger Geduld“.

Ein zweiter griechischer Begriff (hypomone), der in der deutschen Bibel mit „Geduld“ übersetzt wird, heisst „Darunterstehen“. Man stellt sich wartend unter eine Situation. Manchmal, zum Beispiel in einer Krankheit, kann man gar nicht anders als warten. Manchmal könnte man aber ungeduldig und vorschnell handeln, um dann bald einmal zu erkennen, dass dies schädlich war.
Das heisst nun nicht, dass Warten immer und überall das Richtige ist. Man muss gut abwägen, wo Geduld angebracht ist, wo dies fruchtbar ist: wo Geduld etwa dem eigenen charakterlichen Reifungsprozess dient, eine wichtige „geistliche Übung“ darstellt oder ein Ausdruck der Liebe zum Nächsten ist.

Für den Menschen, der auf Gott vertraut, ist das bewusst ergriffene oder demütig bejahte „geduldige Darunterstehen“ nicht eine Beugung vor Schicksalsmächten, sondern dem Verharren auf der Töpferscheibe Gottes vergleichbar (Jesaja 64, 7; Jeremia 18, 1-4). Selbst wenn es schmerzt, „weiss“ der Ton: „Da ist ein Künstler am Werk! Das wird etwas Gutes und Brauchbares daraus!

Was könnte dieses Verständnis von “Geduld” für dich als Künstler und für dein Leben bedeuten?

* Crescendo hat verschiedene Bücher und Audio-CDs von Franz Mohr veröffentlicht. Man kann sie bestellen unter www.crescendo.org

Text: Beat Rink

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