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29. Juni 2015

Künstler in der Kirche / Teil III: “Künstler im Gottesdienst – Propheten, Zungenredner, Ausleger?”

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Seit dem Jahr 2001 bin ich in über 1000 Gottesdiensten und liturgischen Konzerten aktiv als Jazzmusiker und Komponist, in verschiedenen kirchlichen Traditionen und liturgischen Formaten. Da ich Jazz in Kirchen spiele und damit keine traditionelle Kirchenmusik, ist es ein immerwährender und zwingender Lernprozess für mich geworden, über die Rolle des Künstlers in der Kirche nachzudenken. Die Passagen aus dem 1. Korintherbrief 14 sind seit etlichen Jahren zu einem Leitfaden und Arbeitsgrundlage geworden, und ich möchte im Folgenden einige Beobachtungen mit Euch teilen in der Hoffnung, das sie mit einigen von euren Erfahrungen und Visionen für Kunst und Kirche resonieren.

1. Korinther 14 (1-5): Strebet nach der Liebe! Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget! Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse. Wer aber weissagt, der redet den Menschen zur Besserung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer mit Zungen redet, der bessert sich selbst; wer aber weissagt, der bessert die Gemeinde. Ich wollte, daß ihr alle mit Zungen reden könntet; aber viel mehr, daß ihr weissagt. Denn der da weissagt, ist größer, als der mit Zungen redet; es sei denn, daß er’s auch auslege, daß die Gemeinde davon gebessert werde. ( …)

26-29: Wie ist es denn nun, liebe Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeglicher Psalmen, er hat eine Lehre, er hat Zungen, er hat Offenbarung, er hat Auslegung. Laßt alles geschehen zur Besserung! So jemand mit Zungen redet, so seien es ihrer zwei oder aufs meiste drei, und einer um den andern; und einer lege es aus. Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde, rede aber sich selber und Gott.

I. Am Anfang eine Begriffsklärung: “Künstler in der Kirche” meint für mich im Folgenden nicht Künstler oder Künstlerinnen, die eine Trennung von ihrer Kunst und ihrem kirchlichen Leben leben, sondern die versuchen, sich aktiv als KünstlerInnen mit ihren Glaubenserfahrungen in Kirchengemeinden und Gottesdienste einzubringen.

Ich spreche über KünstlerInnen, die die Notwendigkeit verspüren, sich in ihrer oder anderen Kirchen mit ihrer Kunst einzubringen, die eine Berufung dazu, ja eine Verpflichtung verspüren aufgrund ihrer Glaubenserfahrungen und ihres biblisch-theologischen Verständnisses.

Damit sind KünstlerInnen gemeint, die gar nicht anders können, als das, was sie in ihrer Kunst am meisten leidenschaftlich inspiriert, mit Kirche zu verbinden. Ich spreche  damit über KünstlerInnen, die konsequenterweise sich manchmal ärgern müssen, verletzt oder total aufgebracht darüber sind, wie wenig künstlerisch Gottesdienste sind.

Ich denke dabei an KünstlerInnen, für die die schlechte Qualität von Musik oder jeglicher künstlerischer Gestaltung ein ernster geistlicher und liturgischer Fehler ist.

II. 1. Korinther 14:26 unterstreicht zunächst, daß jeder sich verpflichtet fühlen sollte, seine eigenen Gaben in Gottesdienste einzubringen. Daher sollten dies natürlich auch professionelle KünstlerInnen empfinden; und sie werden dann auch sofort empfinden, wo Spannungen entstehen zwischen ihren Versuchen und der jeweiligen Kirchengemeinde und deren Gottesdiensttradition.

Eigentlich wäre es total überraschend, wenn es gar keine Konflikte gäbe! So kommt schnell die Frage auf: Wie kann meine individuelle künstlerische Sprache,  meine Kunstwerke, meine Musik “passen” – oder auch: Was haben sie für eine geistliche Botschaft? Dies ist eine essentielle Frage für jeden Künstler und jede Künstlerin, die nach einer Einheit zwischen ihren Glaubenserfahrungen, ihres biblischen und theologischen Verständnisses und ihrer Kunst suchen.

Es gibt kein Patentrezept für dies – es ist natürlicherweise ein Prozess, der sich bis ans Ende unseres kreativen Schaffens weiter entwickelt.  Und darüberhinaus ist es ein Prozeß nur zwischen uns und Gott, 1:1. Ich schlage aus der Perspektive der Passage aus dem Korintherbrief vor, dass wir den Versuch, unsere Kunst in eine Kirchengemeinde hereinzubringen, dem Reden in Zungen zu vergleichen.  Dafür gibt es für mich zwei entscheidende Gründe:

1. Ich finde es nicht hilfreich, Kunst zu simplifizieren oder zu kompromittieren, wie es zu Beginn der Partnerschaft mit einer Kirche leicht geschehen könnte. Ebenso wenig möchte ich mit Menschen “Christianesisch” sprechen, wenn ich über meine Glaubenserfahrungen rede. Niemand sollte davor Angst haben, mit Kirche und Gottesdiensten zu verbinden, was in seiner Kunst seiner persönlichsten Inspiration entspringt.

Daraufhin ist es eigentlich ganz einfach ein Selbstschutz, wenn ich zunächst davon ausgehe, dass meine eigene künstlerische Sprache, mein eigener “künstlerischer Zungenschlag” gegebenenfalls fremd, merkwürdig oder sogar provokativ für einige Mitglieder der Kirchengemeinde wirken kann.

2. Kunst ist nicht vergleichbar mit Predigen – und kann und sollte niemals ein Ersatz für gesprochene oder gesungene Worte in der Predigt, für Lesungen und Choräle sein. Kunst für sich ist nicht heilig – Kunst ist vollständig menschengemacht.

Es ist ein kleiner Teil kreativen menschlichen Ausdrucksvermögens – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auf der anderen Seite kann Kunst auf das Heilige zeigen wie kein anderes menschliches Ausdrucksmittel – allein die Geschichte kirchlicher Kirche ist ein eindrückliches Beispiel hierfür.

Es wäre geradezu dumm, heutiger Kunst die Kraft abzusprechen, auf das Göttliche hinzuweisen. Kunst entfaltet eine so kraftvolle Wirkung, weil sie so mächtig und mysteriös wie Zungenrede erscheinen kann. Wenn Menschen zu Tränen  oder zu überschwänglicher Freude gerührt werden oder gar ihr Leben aufgrund einer substantiellen künstlerischen Erfahrung verändern, dann sind dies immer radikale Einzelerfahrungen, die nicht rationalisiert werden können und verbal beschreibbar sind.

Hierin liegt die Kraft von Kunst, die unter keinen Umständen von irgendeiner liturgischen Form beschränkt werden darf. Wenn wir Kunst auf mystische Weise verstehen und zugleich wahrhaftig glauben können, das Kunst immer nur ein individueller Ausdruck einer Person sein kann – für einen christlichen Künstler gewachsen im Dialog mit seiner Gottesbeziehung – dann wird klar, das wir nicht nur für den Selbstschutz des Künstlers, sondern für den Schutz der Autonomie der Kunst den Vergleich mit der Zungenrede anstellen.

Paulus sagt über die Zungenrede: “Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott; denn ihm hört niemand zu, im Geist aber redet er die Geheimnisse.”  Lasst uns als Künstler darüber froh sein, dass dies – im besten Falle – Kunst für uns als Christen bedeuten kann. Ein Dialog 1:1 mit Gott als allmächtige und ewige Quelle von Schöpfungskraft – 1:1. Fantastisch! Falls wir aber nun die schöpferische Verbindung mit der Kirche, mit der Gemeinschaft aller Christen in Gottesdiensten  suchen, dann benötigen wir weitere Hilfestellungen, so dass unsere eingebrachten Gaben nicht als Konzert oder eine Kunstausstellung in einer Kirche missverstanden  werden… (Fortsetzung folgt in TUNE IN 131)

Fragen:

  • Hast Du das Bedürfnis, Deine Kunst mit Kirche zu kombinieren? Falls ja, lies weiter, falls nicht , “so schweige in der Gemeinde, rede aber zu sich selber und Gott.” .:-)
  • Hast Du eine Kirche, in der Du Dich regelmässig künstlerisch einbringen kannst?
  • Hast Du schon darüber nachgedacht, Deine Kunst könnte der Zungenrede vergleichbar sein?

TUNE IN 130 vom 29. Juni 2015 | Unser Text ist von Uwe Steinmetz (Saxophon), Berlin, Mitbegründer und Co-Leiter von “Crescendo Jazz” |

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