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13. Juni 2017

Konkurrenz – muss das sein?

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Concurrere heisst „zusammen laufen“ und ist eigentlich etwas Positives, wenn man sich gegenseitig ansport und ermutigt. Die Realität sieht oft ganz anders aus: Man überholt den anderen lieber und möchte ihn weit hinter sich zurücklassen. Konkurrenzdenken kann in Feindschaft umschlagen. Und das ist Gift: Gift für die Beziehung zum Nächsten, Gift für das eigene Leben und Gift in der Beziehung zu Gott. Und für Künstler oft sogar auch Gift für die Kunst. Ein erster (und der oft schwierigste) Schritt ist das Eingeständnis: Ich neige zu dieser Art von Konkurrenz-denken und Konkurrenz-Verhalten.
Bei einer der ersten Konferenzen unserer Musikerbewegung Crescendo am 27.5.1990 widmete sich der Psychologe Prof. Michael Dietrich diesem Thema. Seine Ausführungen sind nach wie vor aktuell. Hier eine Zusammenfassung:

„Menschen unserer Tage haben fünf grosse Strebungen, in denen sich das Konkurrenzdenken ausprägt. Bitte prüfen sie einmal bei sich selber nach, ob es sich so verhält oder nicht:

1.
Menschen wünschen sich eine optimale Verfügbarkeit über Geldmittel. Oder einfacher gesagt: Man will möglichst hohe Gagen.

2.
Menschen wünschen sich ein möglichst hohes soziales Prestige. Lieber ein grosser Sänger als ein einfaches Chormitglied sein!

3.
Menschen wünschen sich eine optimale Verfügbarkeit über andere. Wer wünschte sich nicht manchmal die «Macht» eines Dirigenten?

4.
Menschen wünschen sich auch ein hohes moralisches Prestige. Ich denke etwa an das Prestige, das aus der Organisation eines Benefizkonzerts erwächst.

5.
Menschen wünschen sich eine optimale Verwirklichung ihres Ichs im Sinne des Aufbaus einer Intimsphäre. Das heisst Menschen möchten auch alleine gelassen sein, Künstler wohl ganz besonders.

Wenn wir nun diese fünf Dinge zusammen sehen, dann müssen wir uns dessen bewusst sein, dass es sich dabei um eine allgemeinmenschliche Realität handelt, zu der wir stehen sollten. Wir alle kennen diese fünf Strebungen, – machen wir uns und anderen nur nichts vor. Auch die Jünger kennen ja die Frage: «Wer von uns ist grösser?»

Diese fünf Strebungen gehören zum Menschsein. Aber: Obwohl wir um den Sieg Christi am Kreuz wissen, obwohl wir auch eine persönliche Beziehung zu ihm haben, müssen wir damit rechnen, dass der «diabolos», der «Durch­einanderwerfer», aktiv wird und uns gerade in den genann­ten fünf Bereichen zu irritieren versucht. Vielleicht so zu irritieren versucht, dass diese Strebungen eine pervertierte Form des Konkurrenzdenkens annehmen, die uns geradezu krank macht.“

Gebet:
Herr, vergib, wo mein Konkurrenzdenken mich und die Beziehung zum Nächsten krank gemacht hat.
Ich vertraue Dir, dass Du mir genau jenes Mass an Erfolg gibst, das für mich gut ist. Und ich nehme es aus Deiner Hand, wenn Andere erfolgreicher sind.
Ich will sie nicht länger als meine Feinde sehen. Lehre mich, sie zu lieben. Lehre mich Demut.
Aber hilf mir auch, mutig weiter zu arbeiten und mein Bestes zu geben.
Du weißt auch, wo ich unter dem Konkurrenzdenken anderer und unter der Konkurrenzatmosphäre in Künstlerkreisen leide. Mach mich zum Werkzeug Deines Friedens! Dass ich Liebe übe, wo man sich hasst. Amen

Text: Beat Rink

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