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08. April 2014

Johannes 3, 25-30

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TUNE IN 67: Johannes 3, 25-30

“Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen”

„Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm. Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Eifersucht ist in unserer Gesellschaft, auch unter Künstlern, ein grosses Thema. Selbst unter Christen. Kürzlich sagte ein befreundeter Schauspieler in einer Runde: „Ich merke, dass auch ich als Christ von Eifersucht heimgesucht werde.“

Eifersucht kann verschiedene Formen haben: von offener, expliziter Kundgabe von Neid über dezent angebrachter, aber liebloser Kritik bis hin zu passiver Ignorierung des andern. Eine uns bekannte Sängerin litt daran, dass sie von ihrer engsten Kollegin nie auch nur mit einem halben Wort gelobt wurde. Auch ausbleibendes Lob kann ein Zeichen aggressiver Eifersucht sein.

Wir alle kennen Eifersucht und ihre unterschiedlichen Formen und wissen, dass sie krankhafte Züge annehmen kann. Aber auch in ihren weniger krankhaften Formen ist sie eine menschliche „Krankheit“, die unsere Beziehungen und das künstlerische Zusammenwirken vergiftet.

Auch Johannes hätte allen Grund zur Eifersucht haben können. Denn seine Jünger entdecken: Jesus nimmt Taufen vor – beziehungsweise er lässt seine Jünger Taufen vornehmen! Doch Johannes war doch der erste, der getauft hatte – und Jesus war eigentlich nur sein „Nachahmer“.

Die Reaktion des Johannes ist aber alles andere als eifersüchtig. Er sagt: “Er muss wachsen! Ich aber muss abnehmen.“ Wir können diesen Satz (wie viele Sätze aus der Bibel) leicht nachsprechen. Aber bei genauer Überlegung ist er gar nicht so harmlos.

Abnehmen: Heisst das nicht, dass ich in der Bedeutungslosigkeit versinke? Dass es mich am Schluss gar nicht mehr gibt? Dabei bin ich doch (gerade als Künstler) täglich dabei, mich auf bestmögliche Art hörbar, sichtbar und lesbar zu machen?! Und Konkurrenz spornt schliesslich zu guter Leistung an. Interessanterweise verliert Johannes nicht an Bedeutung. Jesus sagt über Johannes an einer anderen Stelle: „Unter allen Menschen hat es keinen grösseren gegeben als Johannes den Täufer“ (Mathäus 11,11).

Und auch die Darstellungen von Johannes in der Kunstgeschichte zeigen keinen kleinen, sondern einen grossen Johannes. So bei Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar. Er tritt dort gross auf, selbst wenn aus seinem Mund die „Sprechblase“ kommt: „Illum oportet crescere me autem minui. Er muss wachsen – ich aber abnehmen.“ Warum ist Johannes gross und trotzdem klein? Eben darum, weil er nicht selber gross herauskommen will. Weil er mit grosser Geste auf Jesus hinweist. Und das heisst: Auf jenen hin, der am Kreuz hängt und der sich selbst klein macht wie keiner je vor ihm noch nach ihm.

Daraus lässt sich ableiten: Wo wir nur auf uns selber hinweisen, werden wir klein. Das gilt zum Beispiel für unsere Kirchen, wenn sie sich auf ihre eigenen Programme, ihren eigenen Stil, ihre eigenen Gaben oder ihren Pfarrer etwas einbilden. Das gilt auch für uns einzelne Christen, wo wir auf unsere eigene Frömmigkeit und auf unsere guten Werke stolz sind. Und das gilt auch für uns „christliche Künstler“ (d. h.: Künstler, die Christen sind!)

Ja, vielleicht sollten Sätze wie „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Matthäus 23,12) gerade von christlichen Künstlern sehr ernst genommen werden.

Jene Künstler, die nicht von Jesus Christus wissen, werden relativ problemlos auf sich aufmerksam machen und sich ins Zentrum stellen können. Ob dies letztlich segensreich ist und eine Kultur der Liebe fördert, ist eine andere Frage.

Christliche Künstler aber, die einer egoistischen Tendenz und einem Narzissmus, wie wir sie wohl alle irgendwie kennen, nachgeben und Eifersucht zulassen, kommen über kurz oder lang in eine innere Spannung hinein. Diese Spannung wird sie blockieren oder – noch schlimmer – in eine „schizophrene Spaltung“ hineintreiben. Denn in ihnen will ja Christus gross werden, was sich mit ungebremstem künstlerischem Egoismus und mit Eifersucht nicht vereinbaren lässt.

Eine zweite, nicht weniger problematische Tendenz muss genannt werden: Die einer falsch verstandenen Demut, eines Minderwertigkeitsgefühls und eines christlichen Duckmäusertums. Manchmal meinen wir, uns selber klein machen zu müssen, damit Jesus gross herauskommt. Das ist aber ebenso verkehrt und ungeistlich wie ausgelebter Egoismus.

Beide Haltungen (auch die letzte, die eine stolze Seite hat!) führen im schlimmsten Fall zum insgeheimen Wunsch: „Ich will zunehmen. Ich spüre aber, dass der Glaube mich darin hindern will. Am besten wäre es, wenn Jesus abnehmen würde…“

Kehren wir zurück zu Johannes: Er hatte kein Problem damit, Jesus das Feld zu überlassen. Er wusste: „Ich komme dabei nicht zu kurz. Allein im Dienst für Jesus Christus komme ich zu meiner Bestimmung und lebe spannungsfrei in meiner Berufung.“ Er musste allerdings damit rechnen, dass dies selbst das Martyrium nicht ausschliessen würde.

Wir können nun den Satz „Wo wir nur auf uns selber hinweisen, werden wir klein“ wieder im Sinn von Johannes 3,30 umkehren und, auf unsere künstlerische Berufung gemünzt, so formulieren: „Wo wir Jesus Christus Raum geben und ihn in uns wachsen lassen, werden wir von Egoismus und Eifersucht befreit. Aber wir kommen dabei nicht zu kurz. Das heisst zwar nicht automatisch, dass wir grosse Kunst machen können oder dass wir gross herauskommen. Aber wir werden im Einklang mit Jesus Christus viel eher in unserer Berufung leben können als wenn wir egoistisch und eifersüchtig gepolt sind.“

Fragen:
Auf welche Seite falle ich eher vom Seil herunter: Auf die Seite einer „falschen Demut, des Minderwertigkeitsgefühl“ oder auf die „Seite des Egoismus und der Eifersucht“?

Wie wirkt sich der (richtig verstandene) Satz „Er muss wachsen – ich aber abnehmen“ in meiner Beziehung zu meinen Kollegen aus?

Wo kann ich anderen zeigen, dass ich sie nicht eifersüchtig als Konkurrenten sehen will? Wie kann ich ihnen Wertschätzung zeigen und sie ermutigen?

Tune In 67 vom 8 . April 2014 | Text: Beat Rink, Präsident von ARTS+ Bild: Ton de Bordes Weitere TUNE INs findest Du hier

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