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10. August 2015

“Gott Dank zu opfern ist das Ziel der Musik”

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Interview mit Masaaki Suzuki, Dirigent und Organist Leiter des”Bach Collegium Japan”.

Masaaki Suzuki, wie schaffen Sie es, dass Chor und Orchester eine Kantate verstehen? Es ist eine Frage der Kommunikation… Zum Probenbeginn gebe ich viele Erklärungen zum Kantatentext und Informationen zu Bachs Leben und so weiter. Heute haben Musiker ja genügend Kenntnisse von diesen Dingen, aber trotzdem erläutere ich noch jede Kantate.

Die Orchestermusiker, die ja Berufsmusiker sind, sind solche Musik mehr gewohnt als die Chorsänger. Im allgemeinen haben sie kein grosses Interesse an den Texten. Trotzdem wollen sie wissen, was der Chor singt, und deshalb haben sie die ganze Zeit die Partitur und auch die Übersetzungen zur Hand, worauf sie während den Proben viel Male Bezug nehmen.

Es ist interessant, dass in der Kantate “Schlage doch, gewünschte Stunde” (BWV 53) die Tenorarie von einer sehr schwierigen Pizzicato-Stelle begleitet wird. Es war für sie so schwierig, dieses Pizzicato die ganze Zeit zu spielen, dass einer rief: “Warum müssen wir immer so ein schwieriges Pizzicato spielen? Warum hat Bach das so komponiert?”

Nun übersetzte und erklärte ich die Bedeutung von “Schlage doch”. Es geht um die letzte Lebensstunde und um die Totenglocke, worauf sie meinten: “Gut, jetzt verstehen wir es. Lasst es uns nochmals proben.” Eine solche Art von Textverständnis motiviert dazu, sich auf die Musik zu konzentrieren.

Sie haben den Ruf eines sehr einfühlsamen Bach-Interpreten. Wie haben Sie Zugang zu dieser Musik aus einer völlig anderen Kultur gefunden? Das ist etwas, was ich selber nicht ganz verstehe. Ich mache einfach, was ich fühle – so natürlich wie möglich. Eigentlich wollte ich nie anders verfahren. Nun sind, weil ich mich in Europa ausbilden liess, in meinen Aufführungen unschwer Spuren europäischer Kultur zu finden. Die interpretatorische Arbeit hingegen hat etwas mit meiner Persönlichkeit zu tun – und auch mit meiner Absicht, den Text so deutlich wie möglich hervortreten zu lassen.

Wenn man sich mit einem neuen Werk beschäftigt, muss man sich als Interpret zum Beispiel zuerst für das richtige Tempo entscheiden. Was diese technischen und praktischen Aspekte betrifft, so sind meine Einspielungen jenen anderer Dirigenten recht ähnlich. Aber dann unterscheiden sie sich von ihnen manchmal recht stark, weil ich eben einen anderen Geschmack habe, weil ich anders fühle und so weiter.

Wie nähern Sie sich einer Bach Kantate, die für Sie neu ist? Allen Kantaten liegt ein bestimmtes Thema zugrunde. Deshalb muss man ihren Inhalt und ihren Kontext kennen. Man kann in ihnen eine Grundstimmung spüren: eine aktive, eine tragische oder eine andere Stimmung. Und dann kann es da sehr interessante, vielleicht sogar recht seltsame Verbindungen von Text und Musik geben. Es ist keineswegs immer klar, was ein Motiv aussagen will, aber ich versuche zu verstehen und die Aussage so gut wie möglich aufzuzeigen.

Dies hört sich nach intensiver Forschungsarbeit an… Nein, das hat nichts mit Forschungsarbeit zu tun, sondern mit einem sehr spontanen Zugang zur Musik. In der Partita, die ich letzte Nacht gespielt habe, gibt es viele kleine Details, die sehr charakteristisch sind – und ganz bewusst hingesetzt. Jede Partita-Variation scheint mir irgendwie auf einen Text komponiert. Nun, wenn man diese kleinen Elemente entdeckt, die eine Art Leitmotiv bilden, kann man die Musik auf sehr intensive und interessante Weise gestalten.

Sie sprechen von Inhalten. Nun gibt es in Europa die Tendenz, Bachs Musik von ihren Inhalten zu trennen – zum Beispiel indem man eine Kantate zur Auferstehung humanistisch reduziert, als handle sie ganz allgemein von “Sieg und Freude”.  Dies scheint wiederum zu einer Bach-Religion zu führen. Was sagen Sie zu diesen Tendenzen? Um Bachs Botschaft so gut wie möglich weiterzugeben, muss man sie kennen und verstehen. Das ist die Aufgabe eines Musikers, und sie ist der eines Schauspielers ganz ähnlich.

Menschen können zweifellos von purer Musik tief berührt sein – so wie jemand von der Schönheit eines fallenden Herbstblatts berührt ist. So können auch Nicht-Christen von Gottes allgemeiner Gnade berührt sein. Aber als Christen haben wir darüber hinaus die Möglichkeit, die Botschaft zu verstehen und weiterzugeben.

Allerdings haben wir keine Ahnung, was die Musik in den Herzen und Köpfen der Menschen im Publikum bewirkt. Vielleicht haben wir manchmal den Eindruck, ein Konzert sei nicht gelungen. Aber Musik existiert auch ohne uns – natürlich nicht ohne Aufführung, aber wir haben letztlich keinen auf ihre Wirkung in den Köpfen und Herzen.

Im CD-Booklet zur Matthäus-Passion schreiben Sie, wie wichtig es ist, die Botschaft der Auferstehung zu verstehen. Sie sollten also aufzeigen, wohin die Passion führt. Ja. Wir müssen dabei den Hintergrund der lutherischen Tradition bedenken. Die Passions-Gottesdienste sind ja nur im Licht der Botschaft verständlich, dass Christus auferstanden ist. Wenn man die tiefe Bedeutung der Passage versteht “und in dreien Tagen werde ich auferstehen”,  wird die Musik völlig anders klingen.

Was bedeutet für Sie Bachs Motto “Soli Deo Gloria”? Gott Dank zu opfern ist das höchste Ziel der Musik. Deshalb versuche ich, mein Bestes zu geben.

Haben Sie manchmal, wenn Sie spielen oder dirigieren, den Eindruck, dass sie Gott loben – bewusst loben? Bisweilen, wenn ich zum Beispel ein Chor-Tutti dirigiere, so fühle ich – ich kann das nicht erklären – eine spezielle Begeisterung, die nichts mit meiner eigenen Leistung zu tun hat. Die Musik ist so komplex, so bedeutungsvoll in ihrer ganzen Stimmführung, dass daraus ein starkes Gotteslob wird.

Im Zusammenhang  mit dem Thema “Gotteslob” eine andere Frage: Was ist für Sie persönlich die wichtigste Eigenschaft Gottes? Das Wichtigste für mich ist, dass Gott die Welt geschaffen hat mit so vielen guten Dingen. Wir können nicht alles in dieser Welt gutheissen. Und dennoch gibt es keinen Bereich, in dem Gott nicht seine Herrschaft ausübt. Dies ist für mich das wichtigste Prinzip: Wo immer ich gelebt habe, wollte ich von Gott erfasst und geleitet sein – und ich habe es erlebt.

Der zweite Aspekt ist, dass uns Gott durch Jesus Christus gerettet hat. Wir können nichts perfekt tun, aber Gott kann unserem Tun und Leben Sinn geben. Und er hilft uns immer, wenn wir ihm vertrauen. Wir hatten und haben viele Herausforderungen in unserem eigenen Leben – auch im “Bach Collegium Japan”.

Manchmal realisieren wir gar nicht, wie schwierig alles ist. Aber wenn wir durch die Schwierigkeiten hindurch sind, merken wir oft, wie gross sie waren. Doch nun sind sie überwunden – dank Gottes Gnade. Dies hilft uns, weiterzulaufen, so wie es Paulus schreibt: Ich laufe und laufe, um den Preis zu gewinnen.

Fragen:

  • Wo hast du in deinem Leben besondere Herausforderungen erlebt und kannst nun im Rückblick mit Masaaki Suzuki sagen “Sie sind überwunden – dank Gottes Gnade?”
  • Wie könnte diese Einsicht dir helfen “weiterzulaufen2, weil du auf Gott vertrauen und ihn um Hilfe bitten kannst?
  • Wo brauchst du speziell Gottes Hilfe in einem (künstlerischen oder anderen) Projekt?
  • Hast du daran gedacht, es bewusst in Gottes Hände zu legen und um seine Leitung, Hilfe und um Segen zu bitten?
  • Was heisst “Soli Deo Gloria” für dich und deine Kunst?

TUNE IN 136 vom 8. August 2015  |  Das Gespräch mit Masaaki Suzuki führten Jan Katzschke, Hermann Rohde & Beat Rink,  Präsident von ARTS+ © Crescendo 2008/2015 |  Weitere TUNE INs findest Du hier

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