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14. April 2016

Gedanken zu Kunst und Gnade – Teil 4

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„Kunst gibt (wie Gott)
dem Unnützen Wert,
dem Wertvollen Nutzen,
dem Nützlichen zweckfreie Schönheit zurück.“

Wir fragen uns: Stimmt diese Aussage in der letzten Zeile: „Kunst gibt dem Nützlichen zweckfreie Schönheit zurück“?
In TUNE IN 165 war die Rede davon, dass Gott uns Anteil an seiner Herrlichkeit (Schönheit) gibt, ohne diese Gnade an eine Bedingung zu knüpfen oder uns damit auf Leistung zu „programmieren“. Im Gegenteil: Wir erfahren Befreiung von unserer Leistungsorientiertheit, wo wir uns von Gottes „Herrlichkeit“ und „Schönheit“ prägen lassen.
Inwiefern lässt sich auch von Kunst Ähnliches sagen?

„Es ist ein Vorrecht des Schönen, dass es nicht nützlich zu sein braucht,“ schreibt Johann Wolfgang von Goethe. Und man könnte auf dieser Linie weiterfahren: Künstlerische Schönheit befreit vom Nützlichkeits-Wahn. Und darin steckt befreiende Kraft.
Immanuel Kant schreibt in seiner „Kritik der Urteilskraft“ ganz ähnlich: Schön ist, was „ohne Interesse“ gefällt und was nicht mit einem „Zweck“ verbunden ist. Um es an modernen Beispielen zu illustrieren: Ein Landschaftsmaler hat an einem Berg ein anderes „Interesse“ als ein Seilbahnunternehmer. Oder wenn ein Bauarbeiter, der jahrelang mit Stahl zu tun hatte, auf einmal Kunst-Objekte aus demselben Stahl herstellt, so arbeitet er nicht mehr zweck-orientiert wie früher.

Meinte aber Kant mit „zweckfreier Schönheit“ dasselbe wie wir, wenn wir den Bezug zwischen Gott und Kunst herstellen? Er schrieb in seiner „Kritik der Urteilskraft“, wo es um ästhetische Fragen geht: „Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er die Beimischung der Reize und Rührungen zum Wohlgefallen bedarf, ja wohl gar diese zum Massstabe seines Beifalls macht.“
Dies ist schwierig zu verstehen, meint aber: Schönheit sollte so zweckfrei ist, dass sie nicht einmal mehr Empfindungen hervorruft. Man findet dann „Geschmack“ an Schönheit, aber diese Freude ist nur vernuftmässig – nicht sinnlich. In letzter Konsequenz führt dies zu einer Kunst, die unterkühlt ist und die weder von Gefühlen bewegt ist noch Emotionen wecken will. Letztlich kann sie sogar in un-kulinarische, eklige Kunst kippen (so der Philosoph Elmar Waibl).

Kant steht, wie ein anderer Philosoph, Karl Liessman sagt, am Anfang der autonomen Kunstauffassung. Das autonome Kunstwerk ist in Gefahr, sich in isolierter Schönheit zu genügen – absurderweise sogar dort, wo es nützlich sein sollte. Wie zum Beispiel Architektur, die zum rein ästhetischen Objekt wird. Um dies mit einem Erlebnis zu illustrieren: Nach Fertigstellung eines Hauses hörte ich, wie ein Architekt den neuen Bewohnern sagte: „Nun übergeben wir dieses schöne Haus seiner Vergänglichkeit.“ Er sagte also nicht etwa: „Nun übergeben wir dieses schöne Haus seiner eigentlichen Bestimmung.“ Tendenziell verweigert sich absolute Schönheit dem Nutzen. Aber „zweckfreie (künstlerische) Schönheit“, wie sie der Aphorismus meint, ist etwas anderes.

Wie wirkt auf uns „schöne Kunst“?
Mit welcher Erwartung und Hoffnung schaffen wir selber „Schönes“?

(* Die Beispiele stammen von Elmar Waibl. Ästhetik und Kunst von Pythagoras bis Freud). Text: Beat Rink

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