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23. November 2016

Eine gesungene Paradoxologie

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Eine gesungene Doxologie

Es ist kein Schreibfehler. Ich wage ein Wortspiel: Paradoxologie. Der Ausdruck ist einem Aphorismus entsprungen: “Dann soll, was uns am Glauben widersprüchlich erscheint, wenigstens zur Paradoxologie führen. Hauptsache, das Lob erklingt dennoch!” Paradox meint bekanntlich widersprüchlich. Und Doxologie meint Lob Gottes. Eine Paradoxologie wäre also ein “Gotteslob trotz allem.”

Kennen wir das: Sobald das Leben schwierig wird, hören wir mit dem Gotteslob auf und lassen die Verse des Paulus: “Singet Gott dankbar in euren Herzen” (Kolosser 3,16) hinter uns? Es ist sicher gut, wenn wir um der Wahrhaftigkeit willen unsere Stimmungslage, Gefühle und Gedanken nicht unter einem gekünstelten Lob ersticken. Zudecken und Ersticken ist falsch – ebenso wie Heuchelei. Aber wir kennen doch auch das Andere: Durch das Lob Gottes “trotz aller Umstände” kann unsere innere Not kleiner werden, können Ängste verschwinden, kann Wut sich abkühlen, kann Depression weichen. Wir singen dann vielleicht in unseren Herzen kein jubeldes, sondern ein gebrochenes “Hallelujah”, ein “Broken Hallelujah”, wie es der letzte Woche verstorbene Leonhard Cohen (1934-2016) (neben anderen Liedern mit stark christlichen Anklängen) auf so innige, wenngleich textlich eher verstörende, postmodern patchwork-artige Weise gesungen hat.

Ein wunderbares “broken Hallelujah” finden wir in Händels Oratorium “Theodora” (1749). Im Text kommt das Wort “Hallelujah” nicht vor, dafür erklingt ein vertrauenvolles Gebet mitten in Nöten. Denn “Theodora” ist ein Märtyrerdrama. Es ist das einzige dramatische Oratorium von Georg Friedrich Händel (1685-1759) mit einer ausgesprochen christlichen Thematik.

Kurz zum Inhalt: Es handelt von einer antiochischen Prinzessin, die sich weigert, den Göttern zu Ehren des Kaisers zu opfern. Der römische Herrscher Valens ordnet an, sie an den “abscheulichen Ort”bringen zu lassen: in ein Bordell, wo sie dem Vergnügen der Soldaten dienen soll. Dies wäre für die keusche Theodora ein weitaus schlimmeres Schicksal als der Tod. Doch ein römischer Soldat mit Namen Didymus, der in Liebe zu ihr entbrannt ist, schleicht sich in ihre Kerkerzelle und überredet sie dazu, seine Kleider anzuziehen und zu entfliehen, während er an ihrer Stelle stirbt. Valens, ausser sich vor Wut, verurteilt Didymus zum Tode, und Theodora folgt ihm freudig ins Martyrium nach.

Hier der Text der Arie, auf Youtube wundervoll gesungen von Bernarda Fink (und im zweiten Link sehr schön interpretiert von Dalma Kranyak und Oana Zamfir, die als Studentinnen des “Crescendo Sommerinstituts” im Zempleni-Festival auftraten):

Lord, to Thee each night and day,
Strong in hope, we sing and pray.
Though convulsive rocks the ground,
And thy thunders roll around,
Still to Thee, each night and day,
We sing and pray.

Dir, o Herr, am Tag und in der Nacht
singen und beten wir, in Hoffnung stark.
Bebt unter uns der Boden auch
und dein Donner ringsum dröhne,
singen wir doch und beten zu dir Tag und Nacht.

Diese grossartige Arie hat es nicht zum Evergreen geschafft wie das Hallelujah im Messias. Sie hätte es aber verdient, mehr beachtet zu werden.

Wo sollten wir vielleicht gerade in einer jetzigen Lebenssituation eine “Paradoxologie” anstimmen? Wo sollten wir ein “broken Hallelujah” erklingen lassen – im Vertrauen, dass Gott gerade in schwierige Situationen und Lebensbereiche hinein wirken und helfen kann?

Text: Beat Rink

LINK 1 (Bernarda Fink)
LINK 2 (Dalma Kranyak and Oana Zamfir)
LINK 3 (Leonhard Cohen)

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