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23. Dezember 2015

Ein spezielles Wiegenlied für das Christkind

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Zur Alt-Arie (Nr. 19) im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Ein grossartiger Kantatenzyklus
Neben Georg Friedrich Händels „Messias“ ist es das zur Weihnachtszeit am meisten erklingende Werk klassischer Musik: dieser gewaltige Kantatenzyklus, den der Leipziger Thomaskantor für sechs aufeinanderfolgende Festtage zur Jahreswende 1734/35 komponiert hat, und der als untypisches „Oratorium“ jeden Konzertabend sprengt. Ein Dirigent, will er nicht gleich zwei Abende bestreiten, muss sich demnach für die Kombination einzelner Teile des „Weihnachtsoratoriums“ entscheiden. Zur Auswahl stehen ihm dabei eben sechs Kantaten mit insgesamt 64 Sätzen, bestehend vor allem aus Rezitativen, Chorälen und Arien. Die Kantaten sind weit ausholende Illustrationen und musikalische Andachten zum biblischen Geschehen, denen eine nicht immer leicht verständliche Dichtung zugrunde liegt. Sie geht auf Bachs Zusammenarbeit mit Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) zurück. Picander hatte schon an der „Matthäuspassion“ (1727) mitgewirkt und sich ansonsten als Lustspiel-Verfasser hervorgetan.

Eindringliche musikalische Verkündigung
Worin besteht nun die „Botschaft“, sozusagen das eigene „geistliche Profil“ des „Weihnachtsoratoriums“? Bach will auf eindringliche Weise verkündigen und nicht nur berichten. Immer hat er seine Zuhörer im Blickfeld, das heisst die Gottesdienst-Besucher, die christliche Gemeinde.

Ein besonderes Wiegenlied
Dem Alt kommt meist die Rolle einer Stimme zu, die den heilsgeschichtlichen Zusammenhang beleuchtet, wenn er etwa ankündigt: „Nun wird mein liebster Bräutigam…zum Trost, zum Heil der Erden einmal geboren werden“. In Teil II stimmt er, in die Rolle Marias hineinschlüpfend, ein zartes Wiegenlied an: „Schlafe, mein Liebster, geniesse der Ruh, / Wache nach diesem vor aller Gedeihen! / Labe die Brust, empfinde die Lust, /Wo wir unser Herz erfreuen!“ (aus Teil II, Satz 19) Dieser Satz weist einige Merkmale auf, die für das „Weihnachtsoratorium“ kennzeichnend sind. Gehen wir ihnen deshalb nach:

1. Ein ehemals weltliches Liebeslied…
Bach greift hier auf eine Melodie zurück, die er bereits früher komponiert hatte, – und zwar auf den Text einer weltlichen Liebesarie! Es hiess dort „Schlafe, mein Liebster und pflege der Ruh“. Dies ist innerhalb des „Weihnachtsoratoriums“ keineswegs die einzige Stelle, in der sogenannte „Parodien“ weltlicher Kantatenmusik vorkommen.
Was können wir daraus folgern? Dass Bach unter Zeitdruck stand und deswegen einige alte Melodien aus der Schublade zog? Gut möglich!
Dass er den geistlichen Gehalt des neuen Werks nicht sonderlich ernst nahm? Unmöglich!
Die Änderungen der Parodien belegen nämlich, wie einfühlsam sich der Komponist auf den neuen Text einstellte und diesen nun zur Geltung brachte.
Warum dann also diese Parodien? Zum einen handelte es sich um ein damals nicht unübliches Verfahren (wir kennen es sogar von der modernen Lobpreismusik her); zum anderen wird hier etwas von der geistlichen Freiheit Bachs spürbar: Der Thomaskantor, der nebenher auch für das Zimmermannsche Caféhaus schrieb und dort das „Collegium musicum“ leitete, zog offensichtlich keine (unbiblische!) Trennlinie zwischen „weltlichem“ und „geistlichem“ Lebensbereich, sondern liess beide auch musikalisch ineinander übergehen.

2. Kühne geistliche Dichtung
Aus dem Liebeslied wurde also mit grosser Freiheit eine geistliche Arie gemacht. Diese entfernt sich thematisch recht weit vom Bibelwort und auch von den damaligen Predigttexten zur Weihnachtsgeschichte. Dennoch ist sie theologisch keineswegs abwegig. Was besagt der Text? Maria singt dem Kind das „Geniessen der Ruhe“ zu, bevor es später für das „Gedeihen“ (das Wohl) aller Menschen „wachen“ wird. Im Wechsel von „schlafe“ und „wache“ kommt die Vorliebe barocker Dichtung für das Spiel mit Worten und Bildern zum Zug, die geschickt hin- und hergewendet werden. So heisst es weiter: „Labe die Brust“ statt „die Brust labe dich“. Das Kind labt also die Brust der Glaubenden: es tut ihnen wohl, soll dann aber sogleich wieder „Lust“ empfinden – allerdings nicht über die dargereichte Brust, sondern über unser erfreutes Herz.

3. Treffende musikalische Illustration
Das Lied ist ruhig und mit seinen 264 Takten sehr ausgedehnt. Diese Länge wie sein wiegender Zweiviertel-Takt tragen dem Inhalt wunderbar Rechnung. Dazu kommt die „Sprache“ der Instrumente: Es sind Hirtenflöten und Geigen. Die Flöten werden im „Weihnachtsoratorium“ von den Hirten geblasen; die Geigen kommen aus dem Himmel. In Teil II ist das Gegenüber von Hirten- und Engelsmusik ohnehin ein prägendes musikalisches Motiv. Und sie mischen sich hier! Was heisst das?

4. Ein gemeinsames Wiegenlied
Das Wiegenlied wird von Maria angestimmt und von den Engeln und den Hirten begleitet. Also äussert sich selbst im innigsten Zwiegespräch der Mutter mit dem Kind nicht nur das „Ich“ der Maria, sondern zugleich ein grösseres „Wir“. Im letzten Vers ist es das „Wir“ der Christenheit. Oder sind es dort wieder die Hirten auf dem Feld? Diese werden nämlich im Satz zuvor aufgefordert: „So singet ihm bei seiner Wiegen aus einem süssen Ton und mit gesamtem Chor dies Lied zur Ruhe vor!“ , worauf dann eben diese Arie folgt. Dies wirkt auf den ersten Blick recht befremdlich: Sind es wirklich die Hirten, die das Wiegenlied singen? Man hat darüber gerätselt und wollte den Satz gar an eine andere Stelle im „Weihnachtsoratorium“ verpflanzen…

5. Ein verkündigendes Wiegenlied
Bedenkt man aber, dass Bach eben durchgängig verkündigen und seine „Zuhörer“ ansprechen will, dass er zudem in den einfältigen Hirten die Vorbilder für die kindlich glaubenden Christen sieht, dann leuchtet auf einmal ein, weshalb so unbekümmert vom Plural der Hirten zum Singular der Maria und wieder zurück zum „Wir“ der Christen gewechselt wird. Wir alle stehen vor der Krippe und singen dem Retter zu!
Noch eine letzte Beobachtung: Selbst wo der Alt anhebt: „Schlafe, mein Liebster“ kann man die Stimme der christlichen Gemeinde mit-hören. Derselbe Alt hat nämlich in Satz 3 vom „liebsten Bräutigam“ gesungen. Das Braut-Bräutigam-Motiv ist jedoch ein bekanntes biblisches Bild für Jesus und die Gemeinschaft der Gläubigen.

Bachs Humor
Lauschen wir noch einige Momente weiter dem Fortgang des Oratoriums, so geniessen wir nach dem Wiegenlied ein strahlendes, musikalisch feinziseliertes „Ehre sei Gott in der Höhe“ der Engel . Danach folgt ein bodenständiges Bass-Rezitativ, in dem die Engel auf fast plumpe Weise gelobt werden: „So recht, ihr Engel, jauchzt und singet“, bevor dann angekündigt wird, dass auch wir Menschen „mit euch einstimmen“. Und darauf erklingt tatsächlich ein schlichter, im Vergleich zum vorigen Engelsgesang fast grobgeschnitzter Choral: „Wir singen dir in deinem Heer (d.h. mit den himmlischen Heerscharen) aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr.“ Schimmert hier nicht feiner Humor durch: Wir Menschen vergleichen unseren hölzernen Gesang mit dem Jubel der Engel?!
Doch bei allem Humor: Der Choral wird nicht lächerlich gemacht. Die Gemeinde hat ja jetzt ein schlichtes, kindlich-glaubendes „Hirtengemüt“ angenommen (die Holzbläser signalisieren es)! Am stärksten berührt aber, dass nun auch die Engelsinstrumente (Geigen) ihre kunstvolle himmlische Musik aufgeben, um in die einfache irdische Melodie einzustimmen.

Himmel und Erde kommen zusammen
Die zentrale Botschaft nicht nur dieser angesprochenen Stellen, sondern des gesamten „Weihnachtsoratoriums“ lautet: Der Himmel kommt zur Erde – wie übrigens auch die herunterfahrenden Blitze der Streicher in den ersten Takten des Werks herniederfahren. Bachs Verkündigung kreist also in immer neuen Bahnen um das Wunder der Menschwerdung Gottes und nimmt den Zuhörer mit. Die wohl innigste Antwort darauf finden wir im Choral (Nr.9): “Ach mein herzliebes Jesulein / mach dir ein rein sanft Bettelein / zu ruhn in meines Herzens Schrein, / dass ich nimmer vergesse dein.“ Durch alle barock-süsse Sprache hindurch kann dies ein tiefes Gebet werden, das uns durch die Weihnachtszeit hindurch begleitet.

Text: Beat Rink

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