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20. März 2017

Der Mann im Turm

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Anlässlich der dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel, dem Mekka der modernen Kunstszene, beauftragte die katholische Kirche den Künstler Stephan Balkenhol mit der künstlerischen Ausgestaltung von St.Elisabeth. Die Kirche befindet sich dem Ausstellungsgelände gegenüber. Balkenhol schuf grosse Skulpturen für den Kirchen-Innenraum: vor allem Menschen in Alltagskleidern. In den Turm stellte er eine goldene Kugel und darauf einen Mann mit ausgebreiteten Armen. Damit löste er ein riesiges Echo aus. Nicht nur dass Leute bei der Feuerwehr anriefen und meldeten, jemand wolle vom Kirchturm springen – worauf die Feuerwehr tatsächlich ausrückte. Viel schlimmer: Die Documenta-Leitung forderte die sofortige Entfernung der Figur. Ihr Hauptargument: Die Figur störe das Ausstellungs-Konzept. Die dOCUMENTA (13) wolle bewusst den „Anthropozentrismus“ ins Visier nehmen. Die Kuratorin Carolyn Christa-Bakargiev sagte: „Es wird der Versuch unternommen, das menschliche Denken nicht hierarchisch über die Fähigkeiten anderer Spezies und Dinge zu stellen.“ Das heisst: Der Mensch hat im Kosmos keine Sonderstellung, sondern steht auf derselben Stufe wie ein Hund oder eine Erdbeere. Deshalb forderten die Documenta-Macher denn auch demokratische Strukturen für Erdeeren und Hunde. Was humorvoll klingt, war sehr ernst gemeint. Und sehr ernst war deshalb auch der Protest gegen den „Anthropozentrismus“ der kirchlichen Installation. Dir Kirche gab aber nicht nach.

Was war nun aber die Botschaft von Balkenhol?
Der Künstler äusserte sich dazu nicht. Das Werk lässt bewusst einen grossen Interpretationsspielraum. Was sehen wir darin? Schauen wir für einige Augenblicke hin und fragen uns: Wie wirkt dieses Werk auf mich? Gibt es Bereiche in meinem Leben, wo ich mich so fühle wie dieser Mann? Wie regiere ich dann?

Wie können wir das Werk von Balkenhol interpretieren?
Hier ein Vorschlag:
– Der Mann steht tatsächlich auf einer anderen Stufe als eine Erdbeere oder ein Hund. Er ist erhöht und damit ein Protest gegen die Documenta. Er erinnert an Psalm 8: „Du hast ihn (den Menschen) wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt.“
– Der Mann steht auf einer Kugel. Sie gleicht der Weltkugel, auf der die Glücksgöttin Fortuna oft dargestellt wird. Das Glück ist labil, und so droht auch der Mann jederzeit herunterzufallen. Der Mann wirkt aber viel unsicherer als die Fortuna etwa beim „Komm, spiel mit dem Glück!“ Der Mann scheint zu sagen: „Wie bin ich nur hierhergekommen? Ich muss aufpassen, dass ich nicht herunterfalle.“ Vielleicht erinnert dies uns an 1.Korinther 1,12: „Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle“.
– Die Kugel und die Stellung der Arme nehmen auf, was auf der Kirchturmspitze zu sehen ist: Die (Welt)Kugel und darüber das Kreuz. Der Mann ahmt die Form des Kreuzes nach. Im 1.Ko. 11, 1 steht: „Ahmen wir Christus nach!“ Der Mann tut dies etwas zaghaft, ist aber dennoch mutig.
– Der Mann ist (anders als Fortuna) nicht allein. Der Kirchturm (die Gemeinschaft der Christen) schützt ihn. Und er ist unter dem Schutz des Kreuzes, das über der Weltkugel thront. Ist das „Anthropozentrismus“? Nein, eher „Theozentrismus“ – und somit erst recht das Gegenteil der dOCUMENTA (13)-Ausrichtung. Aber in einem treffen sich beide Anliegen: In der Infragestellung der menschlichen Herrschaft. Balkenhol war sich der Dimension „Gottes“ sehr wohl bewusst. So weigerte er sich zum Beispiel, die Bänke aus der Kirche zu entfernen, um mehr Platz für seine Ausstellung zu haben!
– Ein Letztes: Die Kugel dreht sich im Wind nach allen Richtungen. Damit wird Geste des Mannes irgendwie zu einer Segensgeste („Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen“, Matthäus 5,44)

Fazit:
Der Mann ist also ein Nachahmer – ein Nachfolger Christi. Die Welt unter seinen Füssen schwankt und dreht sich. Er mag sich unsicher fühlen und Angst haben. Aber er weiss: „Über mir ist das Kreuz, dem sogar die Erde untertan ist. So stehe auch ich fest. Und ich kann meine Hände sogar zum Segen ausbreiten.“

Gebet:
Herr, Du kennst die Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich fühle wie der Mann im Turm. Aber ich will ernst nehmen, was in Deinem Wort steht: „Alle eure Sorge werft auf ihn denn er sorgt für euch.“ Ich vertraue Dir, dass ich nicht falle. Lass mich erfahren, dass Du mich festhältst. Ich nenne gerade jetzt folgenden Bereich und folgende Lebenssituation: ….
Ich will meine Arme zum Segen ausbreiten über folgenden Menschen und Situationen: …..
Amen

Text: Beat Rink

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