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29. Mai 2015

Amazing Grace

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TUNE IN 125 - TUNE IN 125: Der Text zu Amazing Grace

Vor einigen Tagen sang der Koreaner Eungkwang Lee, Bariton an der Oper Basel, in der “Kirche Kreativ*” das Lied “Amazing Grace”. Wie wunderschön. Es ist eines der bekanntesten geistlichen Lieder. Beleuchten wir kurz seine Entstehungsgeschichte und denken über seinen geistlichen Gehalt nach.

Was ist Gnade? In “Amazing grace” wird klar: Gnade ist weder ein geistliches Schönwetterprogramm Gottes noch Teil einer religiösen Kuschel-Meditationsübung in weichen Sitzkissen.

Gnade ergründet man letztlich auch nicht in einer theologischen Vorlesung. Gnade ist die lebensrettende Kraft Gottes in Jesus Christus.

Der Seefahrer und Sklavenhändler John Newton (1725 – 1807) gerät am 10. Mai 1748 in einen Sturm. Er betet – und wird gerettet. Er wird zum Christen und immer mehr erkennt er nun, wie verwerflich der Sklavenhandel ist.

TUNE IN 125: TUNE IN 125: Der Seefahrer und Sklavenhändler John Newton (1725 - 1807)

TUNE IN 125: TUNE IN 125: Der Seefahrer und Sklavenhändler John Newton (1725 – 1807)

Er beginnt, die Sklaven besser zu behandeln und mit der Zeit gegen den Sklavenhandel zu kämpfen. Er verlässt die Schiffe und wird Geistlicher – und zusammen mit dem Poeten William Cowpe (1731 – 1800) schreibt er Lieder.

1779 erscheint in den “Olney Hymns” auch das Lied “Faith’s Review and Expectation”, das bald nach seiner ersten Zeile benannt wird: “Amazing Grace”.

Eine wichtige theologische Bezugsstelle dazu steht wir im Epheserbrief 2, 1 ff: “Auch euch hat Gott zusammen mit Christus lebendig gemacht. Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden,  die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn.“

Harte Worte! John Newton schreibt aber ebenso schonungslos: “Ich war ein Sünder – ich war blind – ich war verloren.” Und Paulus schreibt von Gottes Zorn. Dass Gott zornig ist – dieser Gedanke ist uns heute ebenso fremd wie die Worte “Sünde”.

Aber Gott ist zornig, wo wir beispielsweise Menschen versklaven. Und es gibt “Sünde” – im Leben von uns allen, solange wir hier leben. Es gilt, dieser Tatsache ins Auge zu sehen.

John Newton schreibt in seinen letzten Tagen: “Obwohl mein Gedächtnis nachlässt, erinnere ich mich an zwei Dinge sehr genau: Ich bin ein grosser Sünder und Christus ist ein grosser Retter.”

Vielleicht führt uns Gott in seiner Gnade zuerst in eine notvolle Zeit hinein, wo es stimmt: “Es war Gnade, die mein Herz fürchten liess.” – Erleben wir dies nicht immer wieder?

Wir erkennen gnädigerweise unsere Fehler (zum Beispiel unsere Lieblosigkeit anderen Menschen gegenüber) und sind erschüttert. Oder wir merken: Da gibt es Dinge in unserer Vergangenheit und vielleicht auch in unserer Herkunftsfamilie, die wir nie mit Gott und auch nie mit anderen Menschen (zum Beispiel einem Seelsorger) besprochen haben.

Dinge, für die wir bisher blind waren, die wir unbewusst verdrängt haben, die uns aber immer noch prägen und belasten. Sie werden uns “durch Gnade” bewusst.

Dann erfahren wir: “And grace my fears relieved.” Oder mit den Worten von Paulus: “Gottes Erbarmen ist unbegreiflich groß! Wir waren aufgrund unserer Verfehlungen tot, aber er hat uns so sehr geliebt, dass er uns zusammen mit Christus lebendig gemacht hat. Ja, es ist nichts als Gnade, dass ihr gerettet seid!” (Eph. 2,4/5)

Wie kommen wir zu dieser Gnade? Indem wir erkennen: Wir brauchen sie! Wir können uns nicht wie Münchhausen am eigenen Schopf zusammen mit dem Pferd aus dem Sumpf ziehen. Indem wir darum bitten.

Wie lassen wir die Gnade in uns wirken? Indem wir ernst nehmen, was es heisst: “Wir sind mit Christus lebendig gemacht.” Konkret: John Newton wusste: Als Begnadeter kann ich nicht Sklavenhändler sein und im Dienst menschlichen Machthungers stehen.

Oder er hat erkannt: “Wer wirklich demütig geworden ist, wird nicht mehr so leicht wütend, aufgebracht oder kritisch anderen gegenüber sein. Er wird mit Barmherzigkeit und Sanftmut den Schwächen seiner Mit-Sünder begegnen, weil er weiss, dass es nur einen einzigen Unterschied zwischen ihm und ihnen gibt: Allein die Gnade, auf die es ankommt! Zugleich weiss er, dass er die Saat des Bösen auch in seinem eigenen Herzen trägt. Und inmitten aller Prüfungen und Leiden hält er Ausschau nach der Hand des Herrn und bleibt demütig, weil er anerkennt: Er trägt weitaus weniger Leiden als er mit seinen Missetaten eigentlich verdient hätte.”


TUNE IN 125 vom 29. Mai 2015 | Unser Text ist von Beat Rink, Präsident von ARTS+  | Weitere TUNE INs findest Du hier | * Die Kirche Kreativ ist ein von Künstlern gestalteter Gottesdienst, der sich auch speziell an kirchenferne Menschen richtet und der seit 20 Jahren von Crescendo in verschiedenen Städten durchgeführt wird.

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