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November 2019

Words against a «a thought-world without the Muses» / Worte gegen ein «ganz amusisches Gedankenleben»

By Tune In No Comments

ENGLISH
   
In his book «Dass Gott schön werde» [«That God may become beautiful»], published in 1975, the Reformed theologian Rudolf Bohren (1920-2010)enters the battle for an aesthetic awareness among Christians and in the church. If this is to come about, we have to develop a better understanding of the Creation and the working of the Holy Spirit. Here (and in TUNE IN 313) follows a short outline in quotations from what is still a topical and also provocative book.
 
Scharp words from the son of a pastor
The German writer «Gottfried Benn [1886-1956], an aesthetic mind par excellence, jotted down this line regarding the pastor’s house he grew up in: ‘Thought-world entirely without the Muses’, and this line characterises not only a provincial minister’s dwelling, but is also largely true of the house built by our theology. Even ‘thought-world’ already carries a negative connotation and suggests an existence without Gainsboroughs, without Chopin… If I speak Benn’s line as my own, ‘thought-world entirely without the Muses’ means a life in which the world of the Muses is not perceived as a sign of grace, a life which has lost the aesthetic dimension. It can hardly be imagined what power the church and theology have lost because the ‘thought-world without the Muses’ has become predominant. Here I am only generally indicating that, with this contempt for aesthetics, faith has lost its strength to create a style which could be representative of the gospel heard and lived in this time.»
 
The praise of God in the Creation – and in art
Not only is the Creation «good», it is also «beautiful». It praises the Creator.
«By praising his work himself, the Creator anticipates the purpose of his Creation, namely to be praise. The Creator intones what is to be echoed in every creature. (…) Art follows the lead of the Creator and praises, even when it … complains and accuses. Art also follows the lead of the Creator in singing psalms when it does not know him or rejects him. Art justifies existence, even when it curses him – for, in the artistic use of its materials, of language, of colours and sounds, it concedes that the Creator is right, even when it denies or blasphemes him. The justification of art is that it justifies the Creation.»
In other words: Bohren says that in all cases good art points back to the Creation and to the Creator (God).
 
Without lilies and butterflies…
«Discipleship which no longer knows anything of blossom and butterfly loses the weightless quality of light. It can no longer shine as light. Without the lilies and butterflies, the disciples of Jesus all too easily become figures who certainly cast shadows, but from whom no light shines forth: they are zealots who confuse their earnestness with the Holy Spirit… He who no longer sees the flowers can dedicate himself to a ‘thought-world without the Muses’. (…) With this, I have already begun to suggest that Christianity loses its missionary power when it fails to take note of the Creation.»
«The church can no more exist in a world beyond culture and art than it can live in a world beyond nature.» «This is why we must lament the lack of theological aesthetics as the reason for the Christian boredom throughout the land…»
 
God’s beauty among the heathen
«God becomes practical and beautiful not only in those who know him, but also in those who do not know him… But his becoming beautiful among the heathen angers many Christians, especially those who have quite a conceit of themselves as knowing their God. Anger of this kind could be a sign that they are mistaken in their knowledge, that they do not yet know God in his goodness and greatness and therefore do not understand that God’s Spirit is a wind which blows where he wishes.»
 
The task of faith
«God’s becoming beautiful in culture and art remains hidden if it is not named; it does not remain hidden as beauty, but it does remain hidden as God’s becoming beautiful if it is not made known as God’s beauty. Such naming and making known is certainly always the task of faith…».
According to Bohren, then, faith has the task of interpreting beauty of every kind with reference to God. This also applies to works by non-Christians. In view of the fact that there is a «thought-world entirely without the Muses» in many Christians, such works may unfortunately be in the majority.
 
(To be continued.)
 
Editor: Beat Rink / translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

In seinem 1975 erschienenen Buch «Dass Gott schön werde» bricht der reformierte Theologe Rudolf Bohren (1920-2010) eine Lanze für ein ästhetisches Bewusstsein unter Christen und in der Kirche. Wenn dieses kommen soll, müssen wir die Schöpfung und das Wirken des Heiligen Geistes besser verstehen. Hier (und im TUNE IN 313) ein kurzer Abriss in Zitaten aus diesem nach wie vor aktuellen und auch provozierenden Buch.

Scharfe Worte eines Pfarrersohns
Der deutsche Schriftsteller «Gottfried Benn [1886-1956], ein Ästhetiker par excellence, hat im Blick auf sein elterliches Pfarrhaus die Zeile gesetzt: «Ganz amusisches Gedankenleben», und diese Zeile charakterisiert nicht nur ein märkisches Pfarrhaus, sondern im grossen und ganzen auch unser Haus der Theologie. «Gedankenleben» ist schon eine negative Bestimmung, signalisiert ein Dasein ohne Gainsboroughs, ohne Chopin… Wenn ich die Zeile Benns als meine Zeile nachspreche, meint «ganz amusisches Gedankenleben» ein Leben, in dem das Musische als Zeichen der Gnade nicht wahrgenommen wird, ein Leben, das die Ästhetik verloren hat. Es ist nicht auszumachen, welche Auspowerung in Kirche und Theologie dadurch stattgefunden hat, dass das «amusische Gedankenleben» zur Herrschaft kam. Ich deute hier nur an, dass mit der Verachtung der Ästhetik der Glaube die Kraft verlor, einen Stil zu bilden, der für das in dieser Zeit gehörte und gelebte Evangelium repräsentativ werden könnte.»

Gottes Lob in der Schöpfung – und in der Kunst
Die Schöpfung ist nicht nur «gut», sondern auch «schön». Sie lobt den Schöpfer.
«Indem der Schöpfer sein Werk selbst lobt, nimmt er den Zweck seiner Schöpfung voraus, Lob zu sein. Der Schöpfer intoniert, was in aller Kreatur ein Echo finden soll. (…) Kunst psalmodiert hinter dem Schöpfer her und lobt, auch wo sie …klagt und anklagt. Kunst psalmodiert hinter dem Schöpfer her auch da, wo sie diesen nicht kennt oder leugnet. Kunst rechtfertigt das Dasein auch da, wo sie ihm flucht; denn sie gibt im kunstvollen Gebrauch ihres Materials, der Sprache, der Farbe und Klänge dem Schöpfer auch da recht, wo sie ihn negiert oder lästert. Kunst hat ihr Recht darin, dass sie die Schöpfung rechtfertigt.»
Mit anderen Worten: Bohren sagt, dass gute Kunst in jedem Fall auf die Schöpfung und den Schöpfer (Gott) zurückverweist.

Ohne Lilien und Schmetterlinge…
«Eine Jüngerschaft, die von Blüte und Schmetterling nichts mehr weiss, verliert das Leichte des Lichts. Sie kann nicht mehr als Licht scheinen. Ohne die Lilien und die Schmetterlinge werden Jesu Jünger allzu leicht zu Gestalten, die wohl Schatten werfen, aber kein Licht ausstrahlen: Zeloten, die ihr Engagement mit dem Heiligen Geist verwechseln… Wer die Blumen nicht mehr sieht, kann «ganz amusisches Gedankenleben» pflegen. (…) Damit habe ich schon angedeutet, dass die Christenheit ihre missionarische Kraft verliert, wenn sie die Schöpfung übersieht.»
«Die Kirche kann nicht jenseits von Kultur und Kunst existieren, so wenig sie jenseits von Natur existieren kann.» «Darum ist der Mangel an theologischer Ästhetik zu beklagen als Grund unserer landläufigen christlichen Langeweile…»

Gottes Schönheit bei den Heiden
«Gott wird praktisch und schön nicht nur in denen, die ihn kennen, sondern auch in denen, die ihn nicht kennen…Aber dieses Schön-Werden bei den Heiden ärgert etliche Christen, die vor allem, die sich einiges darauf einbilden, ihren Gott zu kennen. Solcher Ärger könnte Zeichen sein dafür, dass sie sich in ihrer Kenntnis täuschen, dass sie Gott in seiner Güte und Grösse noch nicht kennen und darum nicht verstehen, dass Gottes Geist ein Wind ist, der weht, wo er will.»

Die Aufgabe des Glaubens
«Gottes Schön-Werden in Kultur und Kunst bleibt verborgen, wenn es nicht benannt wird; es bleibt nicht verborgen als Schönheit, es bleibt aber verborgen als Gottes Schön-Werden, wenn es nicht als Gottes Schönheit bekannt gemacht wird. Solches Benennen und Bekanntmachen ist allemal Sache des Glaubens…».
Nach Bohren hat also der Glaube hat die Aufgabe, jede Schönheit von Gott her zu interpretieren. Dies gilt auch für Werke, die nicht von Christen geschaffen wurden. Angesichts der Tatsache, dass es unter vielen Christen ein «ganz amusisches Gedankenleben» gibt, dürfte das leider eine grosse Mehrheit sein.

(Fortsetzung folgt)

Textzusammenstellung: Beat Rink

JUNGSEGLER Nachwuchspreis 2020

By Ausschreibungen No Comments

JUNGSEGLER ist ein Nachwuchspreis für Kleinkunst, der im Rahmen des nordArt-Theaterfestivals vergeben wird. 

Der Wettbewerb bietet jungen, professionell arbeitenden, noch nicht etablierten Theaterschaffenden aus der Schweiz eine Präsentationsplattform. KünstlerInnen oder Künstlerkollektive, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, können im Rahmen einer Ausschreibung ihre Produktion ab sofort auf http://festival.nordart.ch/jungsegler/ einreichen.

Bewerbungsschluss ist der 2. Februar 2020.

Der/die GewinnerInnen des JUNGSEGLER zeigen ihre Produktion in einer anschliessenden Tournée (Oktober 20 bis Mai 21) in namhaften Theatern in der deutschsprachigen Schweiz.

JUNGSEGLER unterstützt den/die prämierten KünstlerInnen ausserdem in Form eines produktionsbezogenen Workshops zu den Themen Projektfinanzierung, Kulturförderung, Marketing, Kulturpolitik/ Kulturrecht und soziale Sicherheit für freiberufliche KünstlerInnen.

Flyer

Bewerbungsformular

Wochentext von Matthias Krieg / Katz

By Tune In No Comments

«Zum erstenmal, dass ich ihn so einen Blick werfen seh’ …», gähnte der müde Ver­wand­te von irgendwoher. «Ist denn das ein so besonderer Blick?» fragte wütend der Reisende Aron Amtmann, der sich die Wut aber nicht ansehen lassen wollte. «Na, ich danke! Das ist doch ein richtiger Räuberblick», erklärte grossartig der ‘Herr Stu­dent’. Schüchtern fragte ihn eine blutjunge Base aus Sambor: «Woran sieht man denn das, Vetter?» «Das weisst du nicht? So etwas Begehrendes, Selbstvergesse­nes und Sinnliches steckt darin», verriet ihr mit starkem Pathos der damals recht wil­de ‘Herr Student’. «Oho!» flötete die freche Flöte. «Er guckt sie an wie ein Mann», stammelte Malke überrascht. Riwke Singer meinte aufklärend: «Er ist doch ‘n Mann, dein Sohn.»

Herz Wolff Katz, Die Fischmanns, 1938.

Jüdische Hochzeit im galizischen Schtetl. Herz Wolff Katz schreibt seinen Roman be­reits im Pariser Exil, bevor er endgültig nach Übersee entflieht. Verschwundene Welt. Der neun Jahre ältere Roman Vishniac photographiert das Leben in den Schtet­­lach, be­vor sie in Kriegen, Pogromen, Säuberungen für immer unterge­hen. 1983 erscheint sein Bildband, der Roman von Katz 1985. Katz lässt sich inzwischen Henry William nennen, und Vishniacs Bildband macht als Vanished World Furore. Was hier zu se­hen ist und dort zu lesen, ist nicht mehr.

Berühmt waren im Schtetl die Hochzeiten, begehrt auch ausserhalb in den Dörfern der Polen, Ruthenen, Deutschen die jüdischen Musiker. Chagalls Bilder zeigen bei­de, Feste und Spieler, episodisch und bereits mythisch verklärt. Katz fängt ihre Stim­mung in wunderbaren Dia­logen ein: Verwandte von weither sind zur Hochzeit gela­den. Reisen­de, die zufällig da sind, nehmen ebenso teil. Der Student ist auf Hei­mat­urlaub. Alt sind sie oder blutjung, verwandt oder befreundet, sesshaft oder un­ter­wegs. Alle jedenfalls schon reichlich müde vom Fest, das sich hinzieht.

Das junge Paar, das im Zentrum steht, schweigt. Es steht unter Beobachtung. Nichts entgeht der Runde. Klein­ste Vorkommnisse werden kommentiert. Hier der Blick des Bräutigams auf seine Braut bzw. des frischgebackenen Ehemanns auf sei­ne Frau. Dem Verwandten fällt er auf. Den Reisenden, der verliebte Blicke zur Genüge kennt, macht die Bemerkung wütend. Der Student deutet ihn als Räu­berblick. Seine Cousi­ne versteht nicht, was er sagen will, und erfährt, der Blick sei begehrend, selbst­ver­gessen, sinnlich. Das wiederum ruft die Interjektion Oho hervor. Bis schliesslich Mutter Malke überrascht entdeckt, dass ihr Junge gerade zum Mann geworden ist. Der Nachbar bestätigt es ihr.

Die gekonnte Dramaturgie des Dialogs bringt an den Tag, wie diese verschwundene Welt funktioniert hat: Nicht der heilige Ritus macht aus Kindern Frau und Mann, nein, er macht dies nur möglich. Vollzogen wird die Ehe auch nicht nach dem Fest und in der ersten Nacht, denn alle, auch das Brautpaar, sind dann viel zu vollgefressen, ab­getanzt, verladen und müde. Nein, es ist die soziale Umwelt, die beobachtet, wie das junge Paar wagt, was nur Erwachsenen und Verheirateten zu­ge­standen wird: den be­gehrlichen Blick. Im kom­mentierenden und billigenden Dialog wird die Ehe voll­zo­gen, vor der ganzen Ge­mein­­de des Schtetls als Zeugen. Dann dämmerte ein kalter Morgen. Zwei Hähne kräh­ten schrill, und irgendwo in dem kleinen Strody bellte auch ein Hund. Das nächste Kapitel trägt den Titel: Die Liebe beginnt.

Diese Welt ist allerdings nahezu überall in Europa verschwunden: Ehe ist heute pri­va­tisiert. Niemand hat da etwas zu kommentieren. Längst vor der Ehe und oft ohne sie wird sie vollzogen. Religiöse Riten sind immer weniger gefragt. Und Liebe, ja, die Liebe ist zur Vorbedingung der Ehe geworden, aber kein Hahn kräht mehr danach.

NEU: Wochentext von Matthias Krieg / Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī

By Tune In No Comments

Es gab eine Zeit, da ich meinen Nächsten ablehnte, / wenn sein Glaube nicht der Mei­­ne war. // Heute ist mein Herz Herberge für alle Religionen: / Weide für Gazellen und Kloster für Christenmönche, / Tempel für Götzenbilder und Kaaba für Pilger, / es ist Gefäss für die Tafeln der Thora und die Verse des Koran. // Denn meine Religion ist die Liebe, / und wohin auch ihre Karawane zieht, / dort ist auch mein Weg. / Denn die Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.

Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī, Gedicht, arabisch vor 1240.

Kaum vorstellbar: das Herz als Herberge für alle Religionen. Muḥyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī ist der volle und stolze Name dessen, der derlei schreibt. Er tut es zuerst in Spanien, denn dort ist er 1265 gebo­ren. In Murcia verbrach­te er seine Kindheit und in Sevilla seine Jugend. Im Mannes­alter zog es ihn über Nordafrika und Mekka in den Nahen und Mittleren Osten. 1240 ist er in Damaskus gestorben. Er hat eine grosse Literatur hinterlassen.

Heute kaum vorstellbar: das Herz als Herberge für alle Religionen. Was Ibn Arabi zum Magister Magnus gemacht hat, ein Ehrentitel des christlichen Westens für den Mann aus dem musilimischen Osten, wäre heute schutzbedürftig. Ohne Bodyguards könnte so einer heute, ob im Westen oder im Osten, ob islamistischen oder evangeli­kalen Fundamentalisten ausgesetzt, wohl kaum aus dem Haus, und gross würde heu­­te kaum jemand einen solchen Lehrer finden.

Liebe ist seine Religion. Sie ist sein Bekenntnis und sein Glaube. Das würden heute, ohne deshalb schon weiter in die Tiefe zu gehen, viele sogar teilen. Doch Lie­be bei Ibn Arabi ist nicht sesshaft, sondern un­ter­­wegs, nicht häuslich, sondern frei­le­bend, nicht idyllisch, sondern riskant. Seine Lie­be ist nicht etabliert. Sie hat eine Ka­ra­wane. Hier hört für viele Heutige die Sympathie bald auf. Von Liebe zu reden, ohne je das eigene Dorf, die eigene Stadt, das eigene Land zu verlassen, wäre für Ibn Arabi nicht möglich, kommt sie doch erst dann vom oberflächlichen Daherreden weg und zu ih­rer eigentlichen Tiefe, wenn sie aushäusig wird und in die Fremde zieht. Liebe in der Fremde und zum Fremden, Liebe zu dem, der nicht ich bin, Liebe zum Nicht-Ich: erst sie ist religiöse Liebe, ist Bekenntnis und Glaube.

Liebe ist seine ganze Religion. Logik lässt schliessen, dass Hass dort zu Hause ist, wo man keine Karawa­ne hat, in seinen Grenzen bleibt, die Fremde mei­det. Hassre­den sind deshalb erfah­rungs­lose Worte, blindlings über Grenzen hin­wegg­eschleu­dert, die man selbst nie überschrei­tet, ahnungslose Tiraden, in unbe­kann­tes Land ent­sandt, vor dem man eine dumpfe Angst entwickelt, herzloses Ge­schwafel, aus Höh­len gefunkt, die niemals Herbergen für andere waren. Hass ist unheimlich sess­haft, Liebe aber ist heimlich immer unterwegs. Ihre Kara­wa­ne zieht.

Vorstellbare Liebe in unvorstellbarer Zeit? Vor achthundert Jahren hat der Sohn Ara­biens im christlichen Abendland eine Kultur entwickelt, die heute vorbildlich wäre. Ihr Be­kennt­nis wäre, dass in jedem, der anders ist als ich, genau deshalb etwas steckt, was mich bewegt und verändert, bereichert und beglückt, was mich zusammen mit ihm vertieft und erhöht: Sofern ich zuhöre statt urteile, hinsehe statt wegschaue. So­fern ich transzendiere, statt im Eigenen zu verharren. Ihr Glaube wäre, dass im Ande­ren, der ich nicht bin und nie sein werde, ebenso ein Göttliches wohnt, wie im Eige­nen, selbst wenn mir dessen Art, Name und Vorstellung unbekannt sind und immer ir­gendwie fremd bleiben: Sofern ich überschreite statt verleumde, transzendiere statt blasphemiere. Hassende, solche ohne Herberge und Karawane, sind heute die eigent­­­lichen Atheisten. Liebe aber ist vorstellbar: als weltoffene, mutige und stolze  Ka­rawanserei in den gottlosen Wüsten des Hasses.

Three forms of «doing nothing»: Acedia – crash – leisure / Drei Formen des «Nichts-Tuns»: Acedia – Crash – Musse

By Tune In No Comments

ENGLISH

Acedia

In the last TUNE IN, texts by the philosopher Josef Pieper helped us to discover the value of «leisure». Pieper also points out that, in Christianity, «doing nothing» has often been dismissed disparagingly with the word «Acedia». Acedia belonged to the Deadly Sins of the Middle Ages.
Strictly speaking, mediaeval theologians certainly did not see every form of «doing nothing» as being as bad as «Acedia». Acedia, according to Pieper, actually means a kind of paralysis resulting from the fact “that a man does not, in the last resort, give the consent of his will to his own being; that beneath the dynamic activity of his existence, he is still not at one with himself; that, as the Middle Ages expressed it, sadness overwhelms him when he is confronted with the divine good things immanent in himself (that sadness which is the tristitia saeculi of Holy Scripture).”
So man has not discovered what God intended him to be and wishes to be more (or something other) than what God has called him to. He has not discovered what God has put in him. This paralyses him. Or it can even drive him into activism. If one looks at depictions of Acedia, one sees that she is asleep and is perhaps inwardly fixed on unrealistic dreams. If I personally had to find a modern illustration for Acedia, I would paint a teenager in puberty who has not yet discovered what God has called him to. He dreams of becoming a great pop star. One moment he seems paralysed and devastated because his dream vision is far from reality; but the next moment he leaps up and spends the whole night working over his electric guitar. By doing so he misses (till he becomes more mature) his true calling.
Even as adults, we still have to ask ourselves if there is a teenage Acedia of this kind in us.

Crash

In front of the MO museum of modern art in the town of Vilnius in Lithuania, a wrecked car is currently on display. One gets the impression the driver must have used his last strength to get the car there – despite a flat tyre. This kind of peace comes from hectic action, perhaps from excessive speed. Are we familiar with this kind of crash in our lives? What was still going very fast a moment ago suddenly comes to a standstill. This car is like a person looking back after a crash at hectic activity from which nothing is left over except an ugly and now meaningless tin box. If it still has any value at all, then only for a scrap dealer or, at best, a museum.

Leisure

Going a few steps further, in a small sculpture park behind the museum, we can see a work by the sculptress Ksenija Jaroševaitė (*1953). The proposal to purchase the sculpture and display it was obviously highly controversial. For it refers to something which is taboo in today’s art scene: to a Bible passage, more precisely, to Psalm 23, with a man lying in the grass and looking up into the sky. On his stomach he has Bible verses. The artist often draws on the pictorial language of archaic art and Orthodox icons. This sculpture is talking about a different kind of «doing nothing», which is neither Acedia nor the car crash. This man has consciously chosen to lie down the grass in the sense of Psalm 23. He is not suffering from burn-out. Nor does he seem to be fondly holding onto any unrealistic dreams about what he might wish to become sometime. His artless, perhaps slightly comical figure communicates no vanity. His gaze is directed upwards.
As an exercise, let us pray Psalm 23, let us become quiet (perhaps in precisely the same position as this man) and bring all of our crash and Acedia moments before God.

Psalm 23

1The Lord is my shepherd; I shall not want.
2He makes me lie down in green pastures.
He leads me beside still waters.
3He restores my soul.
He leads me in paths of righteousness
for his name’s sake.
4Even though I walk through the valley of the shadow of death,
I will fear no evil,
for you are with me;
your rod and your staff,
they comfort me.
5You prepare a table before me
in the presence of my enemies;
you anoint my head with oil;
my cup overflows.
6Surely goodness and mercy shall follow me
all the days of my life,
and I shall dwell in the house of the Lord
forever.

Acedia

In the last TUNE IN, texts by the philosopher Josef Pieper helped us to discover the value of «leisure». Pieper also points out that, in Christianity, «doing nothing» has often been dismissed disparagingly with the word «Acedia». Acedia belonged to the Deadly Sins of the Middle Ages.
Strictly speaking, mediaeval theologians certainly did not see every form of «doing nothing» as being as bad as «Acedia». Acedia, according to Pieper, actually means a kind of paralysis resulting from the fact “that a man does not, in the last resort, give the consent of his will to his own being; that beneath the dynamic activity of his existence, he is still not at one with himself; that, as the Middle Ages expressed it, sadness overwhelms him when he is confronted with the divine good things immanent in himself (that sadness which is the tristitia saeculi of Holy Scripture).”
So man has not discovered what God intended him to be and wishes to be more (or something other) than what God has called him to. He has not discovered what God has put in him. This paralyses him. Or it can even drive him into activism. If one looks at depictions of Acedia, one sees that she is asleep and is perhaps inwardly fixed on unrealistic dreams. If I personally had to find a modern illustration for Acedia, I would paint a teenager in puberty who has not yet discovered what God has called him to. He dreams of becoming a great pop star. One moment he seems paralysed and devastated because his dream vision is far from reality; but the next moment he leaps up and spends the whole night working over his electric guitar. By doing so he misses (till he becomes more mature) his true calling.
Even as adults, we still have to ask ourselves if there is a teenage Acedia of this kind in us.

Crash

In front of the MO museum of modern art in the town of Vilnius in Lithuania, a wrecked car is currently on display. One gets the impression the driver must have used his last strength to get the car there – despite a flat tyre. This kind of peace comes from hectic action, perhaps from excessive speed. Are we familiar with this kind of crash in our lives? What was still going very fast a moment ago suddenly comes to a standstill. This car is like a person looking back after a crash at hectic activity from which nothing is left over except an ugly and now meaningless tin box. If it still has any value at all, then only for a scrap dealer or, at best, a museum.

Leisure

Going a few steps further, in a small sculpture park behind the museum, we can see a work by the sculptress Ksenija Jaroševaitė (*1953). The proposal to purchase the sculpture and display it was obviously highly controversial. For it refers to something which is taboo in today’s art scene: to a Bible passage, more precisely, to Psalm 23, with a man lying in the grass and looking up into the sky. On his stomach he has Bible verses. The artist often draws on the pictorial language of archaic art and Orthodox icons. This sculpture is talking about a different kind of «doing nothing», which is neither Acedia nor the car crash. This man has consciously chosen to lie down the grass in the sense of Psalm 23. He is not suffering from burn-out. Nor does he seem to be fondly holding onto any unrealistic dreams about what he might wish to become sometime. His artless, perhaps slightly comical figure communicates no vanity. His gaze is directed upwards.
As an exercise, let us pray Psalm 23, let us become quiet (perhaps in precisely the same position as this man) and bring all of our crash and Acedia moments before God.

Psalm 23

1The Lord is my shepherd; I shall not want.
2He makes me lie down in green pastures.
He leads me beside still waters.
3He restores my soul.
He leads me in paths of righteousness
for his name’s sake.
4Even though I walk through the valley of the shadow of death,
I will fear no evil,
for you are with me;
your rod and your staff,
they comfort me.
5You prepare a table before me
in the presence of my enemies;
you anoint my head with oil;
my cup overflows.
6Surely goodness and mercy shall follow me
all the days of my life,
and I shall dwell in the house of the Lord
forever.

Text: Beat Rink / translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

Acedia

Im letzten TUNE IN halfen Texte des Philosophen Josef Pieper, den Wert der «Musse» zu entdecken. Pieper weist auch darauf hin, dass «Nichtstun» im Christentum oft mit dem Begriff der «Acedia» verpönt wurde. Acedia gehörte zu den mittelalterlichen Todsünden. Genau genommen meinten die mittelalterlichen Theologen aber gar nicht, dass alles «Nichts Tun» so schlecht ist wie die «Acedia». Acedia bezeichnete nach Pieper tatsächlich eine Art Lähmung, die daraus kommt, «…dass der Mensch seinem eigenen Sein letztlich nicht zustimmt; dass er, hinter aller energischen Aktivität, dennoch nicht eins ist mit sich selbst; dass ihn, wie das Mittelalter es ausgedrückt hat, Traurigkeit erfasst angesichts des göttlichen Gutes, das in ihm selber wohnt (welche Traurigkeit die tristitia saeculi der Heiligen Schrift sei).»
Der Mensch erkennt also nicht, wozu Gott ihn bestimmt hat und will mehr sein (oder etwas Anderes) als wozu Gott ihn berufen hat. Er merkt nicht, was Gott in ihn hineingelegt hat. Das legt ihn lahm. Oder kann ihn sogar zu Aktivismus antreiben.
Schaut man sich die Darstellungen der Acedia an, so sieht man, dass sie schläft und vielleicht unrealistischen Träumen nachhängt. Ich selber würde die Acedia, wenn ich ein modernes Bild dafür finden müsste, als pupertierenden Teenager malen, der noch nicht erkennt, wozu Gott ihn berufen hat. Er träumt davon, ein grosser Popstar zu werden. Im einen Augenblick ist er noch wie gelämt und am Boden zerstört, weil sein Traumbild weit weg ist von der Realität. Aber im nächsten Augenblick springt er auf, um eine Nacht lang seine E-Gitarre zu behandeln. Dabei verpasst er (vorläufig noch, bis er reifer geworden it) seine wahre Berufung.
Auch als Erwachsene müssen wir uns fragen, ob in uns immer noch eine solche Teenager-Acedia steckt.

Crash

Vor dem Museum für moderne Kunst (Museum of Modern Art MO) in der litauischen Stadt Vilnius steht zur Zeit ein Autowrack. Es sieht so aus, als habe es der Fahrer mit letztem Aufwand dorthin geschafft – trotz flachem Reifen. Diese Art von Ruhe kommt aus der Betriebsamkeit, vielleicht aus überhöhter Geschwindigkeit. Kennen wir diese Art von Crashs in unserem Leben? Was soeben noch sehr schnell ging, bleibt auf einmal stehen. Dieses Auto gleicht einem Menschen, der nach einem Crasg auf hektische Betriebsamkeit zurückblickt und dem nichts bleibt als eine hässliche, sinnlos gewordene Blechbüchse. Diese taugt höchstens noch für den Schrittplatz oder im besten Fall noch für ein Museum.

Musse

Ein paar Schritte weiter, in einem kleinen Skulpturenpark hinter dem Museum, ist ein Werk der Künstlerin Ksenija Jaroševaitė (*1953) zu sehen. Der Plan des Museums, die Skulptur anzukaufen und zu zeigen, war offenbar höchst umstritten. Denn sie bezieht sich auf etwas, was in der heutigen Kunstszene tabu ist: auf eine Bibelstelle, genauer auf Psalm 23. Ein  Mann liegt im Gras und schaut in den Himmel. Auf seinem Bauch trägt er Bibelverse. Die Künstlerin greift oft die Bildsprache archaischer Kunst und orthodoxer Ikonen auf. Diese Skulptur spricht von einem anderen Nichts-Tun als die Acedia und der Auto-Crash. Der Mann hat sich bewusst im Zeichen von Psalm 23 ins Gras gelegt. Er hat kein Burn Out. Und er scheint auch keinen unrealistischen Träumereien von dem, was er einmal sein möchte, nachzuhängen. Seine schlichte, fast etwas komische Figur kommuniziert keine Eitelkeit. Sein Blick geht nach oben.
Beten wir zur Übung Psalm 23, kommen wir zur Ruhe (vielleicht gerade in derselben Stellung wie dieser Mann) und bringen all unsere Crashs und Acedia-Momente vor Gott.

Psalm 23

1 Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln. 
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser. 
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen. 
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich. 
5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein. 
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN
immerdar.

Text: Beat Rink