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Oktober 2019

Künstler Micha Aregger aus Beinwil am See mit den Bällen der Atemluftinstallation auf der Treppe der Lukaskirche. (Bild: Isabelle Jost (Luzern, 5. Juli 2017))

Der PrixPlus 2019 geht an Micha Aregger, der Förderpreis an Julia Medugno

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ARTS+, die schweizerische Vereinigung christlicher Kunstschaffender und Arbeitsgemeinschaft der “Schweizerischen Evangelischen Allianz”, vergibt jährlich einen mit 1500 CHF dotierten Preis an professionelle Künstler, die in den vergangenen Monaten Glaubensthemen aufgegriffen, in einem Werk umgesetzt und damit in der Öffentlichkeit eine gewisse Resonanz ausgelöst haben. In diesem Jahr wird zusätzlich ein mit 500 CHF dotierter Förderpreis vergeben.

Die Preisverleihung fand am 25. Oktober im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung von ARTS+ in Zürich statt. Ort: «Jenseits», Bogen 11/12, Viaduktstr. 65, 8005 Zürich. Beginn: 19:00 mit Referat von Dr.phil. Dr.theol. Matthias Krieg: «Unverfügbarkeit. Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser.»

Zu den Preisträgern:

Am 25.Oktober wird der bildende Künstler Micha Aregger für seine Installation „Atemwolke“ ausgezeichnet.

Die Jury schreibt dazu: In seinen skulpturalen, grossmasstäblichen Installationen gelingt es Micha Aregger stets von neuem, vielschichtige thematische Bezüge zwischen Gesellschaft, Spiritualität und Ästhetik zu erarbeiten. Prägend für die Arbeiten des Künstlers ist auch deren inhaltliche und formale Zugänglichkeit für ein breites Publikum. Hier findet Micha Aregger immer wieder überraschende Wege, ohne dabei den Anspruch an eine künstlerische Komplexität aufgeben zu müssen. Die christliche Grundhaltung des Künstlers fliesst auf eine selbstverständliche Weise in sein Werk ein und manifestiert sich mit erfrischender Offenheit auch in der Art und Weise, wie Micha Aregger selbst über seine Arbeiten reflektiert. Der Anerkennungspreis möge Micha Aregger ermutigen, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

https://www.michaa.ch/9294950/atemwolke

https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/luzern/religion-die-atemwolke-zieht-weiter-ld.96060

PrixPlus Förderpreis
Zudem vergibt ARTS+ einen mit 500 CHF dotierten Förderpreis 2019 an Julia Medugno für ihre Verdienste als als Intendantin des Ensembles Ultraschall, mit dem sie immer wieder zentrale Lebens- und Glaubensthemen aufgreift.

https://www.ultra-schall.ch<https://www.ultra-schall.ch/>

Julia Medugno, Sopran/ Choreographie


Art and leisure / Kunst und Musse

By Tune In No Comments

ENGLISH

Stressed audience – stressed artists
People who go to concerts, theatres, exhibitions or cinemas are looking for a refreshing break in the routine of everyday life. For our everyday life is often hectic and threatens to take over all aspect of life. Sometimes one can hardly draw breath and regain some tranquillity in one’s thoughts. How is it for the artists themselves? Doesn’t hectic action and stress usually prevail in artistic production as well? And then, perhaps, we may find two groups of people facing each other in a concert: stressed people in the audience searching for a «recreation of the soul [Gemüt]» (J.S. Bach) and at least equally stressed people whose have the job of transmitting this «recreation» down from the stage. Two questions open up here: 1. Might it be that music does not create only stress, but also joy, in the musicians? 2. How could we make sure that artists can always regain an inner tranquillity and carry out their creative work from an attitude of leisure [German «Musse»]?

What is «leisure»?
Here we go into the second question. This leads us to open a timeless little book by the Christian philosopher Josef Pieper (1904-1997), written shortly after the 2nd World War: «Musse und Kult» [“Leisure and worship”. English title of the book: “Leisure – the basis of Culture”]. Let us listen to a few sentences scattered throughout its pages which bring us nearer to the main thrust of the book:

«… leisure in Greek is skole, and in Latin scola, the English “school”. The word used to designate the place where we educate and teach is derived from a word which means “leisure”. “School” does not, properly speaking, mean school, but leisure. (…)  Max Weber quotes the saying, that “one does not work to live; one lives to work”, which nowadays no one has much difficulty in understanding: it expresses the current opinion. We even find some difficulty in grasping that it reverses the order of things and stands them on their head. But what ought we to say to the opposite view, to the view that “we work in order to have leisure”? »

Leisure is the opposite of «doing something». Nor should gaining insights for our mind simply be «mental work»:  «What happens when our eye catches sight of a rose?  What active part do we play here? Our soul is passive and receptive. We are awake and active, certainly. But it is a looking without tension – inasmuch as it is case of genuinely looking and not an observing which has already started to measure and count.»  « The Greeks as well as the great medieval thinkers, held that not only physical, sensuous perception, but equally man’s spiritual and intellectual knowledge, included an element of pure, receptive contemplation, or as Heraclitus says, of “listening to the essence of things”. »

We often think that what we achieve with great effort must also somehow be «the good». « The inmost significance of the exaggerated value which is set upon hard work appears to be this: man seems to mistrust everything that is effortless; he can only enjoy, with a good conscience, what he has acquired with toil and trouble; he refuses to have anything as a gift. We have only to think for a moment how much the Christian understanding of life depends upon the existence of “Grace”; let us recall that the Holy Spirit of God is himself called a “gift” in a special sense ».

What does this mean for the «artes liberales», the «liberal, free arts»? They are no longer free where they are made to serve a purpose, when they become entirely «work» and no longer come from «leisure».  «There is not only the utility value, there is also the blessing.»

«One can say that this is the core of leisure: celebration. (…) The most festive festival that can be celebrated, of any kind, is worship.» With worship Pieper means the worship of God, the divine service that arises out of the commandment of the Sabbath.

Questions:

Do we see art only as «work» or also as «leisure», as described by Pieper?

How can we win back «leisure» of this kind and, «in receiving», be creative?

How can we make a contribution to getting more «leisure» into the culture scene?
 

Editor: Beat Rink / translation: Bill Buchanan, (and part of the quotes: Alexander Dru)

DEUTSCH

Gestresstes Publikum – gestresste Künstler
Menschen, die in Konzerte, Theater, Ausstellungen oder Kinos gehen, suchen einen wohltuenden Unterbruch des Alltagslebens. Denn dieser Arbeitsalltag ist oft hektisch und vereinnahmt das ganze Leben. Manchmal kann kaum mehr aufatmen und zur Ruhe kommen. Wie steht es mit den Künstlern selbst? Herrscht nicht auch auf der Seite der Kunst-Produktion meist Hektik und Stress? Und da sitzen sich also zum Beispiel in einem Konzert zwei Menschengruppen gegenüber: Gestresste, eine «Recreation des Gemüths» (J.S. Bach) suchende Menschen im Publikum und nicht weniger gestresste Menschen, die von der Bühne herab diese «Recreation» bewirken sollen. Zwei Fragen tun sich hier auf: 1. Könnte es sein, dass die Musik nicht einfach nur Stress, sondern auch bei den Musikern Freude bewirkt? 2. Wie könnte es zu bewerkstelligen sein, dass Künstler immer wieder selber zur Ruhe kommen und aus der «Musse» heraus schöpferisch tätig sind?

Was heisst «Musse»?
Hier soll es um die zweite Frage gehen. Sie lässt uns ein kurz nach dem 2.Weltkrieg entstandenes, zeitlos gültiges Büchlein aufschlagen, das aus der Feder des christlichen Philosophen Josef Pieper (1906-1997) stammt: «Musse und Kult». Hören wir auf einige über das Buch verstreute Sätze, die uns die die Grundaussage nahebringen:

«Muße heißt griechisch σχολἠ (skole), lateinisch schola, deutsch Schule.Der Name also, mit dem wir die Stätten der Bildung, und gar die der Ausbildung, benennen, bedeutet Muße. Schule heißt nicht »Schule«, sondern: Muße. (…) »Man arbeitet nicht allein, dass man lebt, sondern man lebt um der Arbeit willen« – diesen Satz versteht jedermann unmittelbar; in ihm ist ja die landläufige Meinung ausgesprochen. Es fällt uns schwer, zu bemerken, dass hier die Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt ist. (…) Wie aber werden wir antworten auf den anderen Satz: »Wir arbeiten, um Muße zu haben«?»

Musse ist das Gegenteil von «etwas tun». Auch geistiges Erkennen sollte nicht einfach «Gedankenarbeit» sein. «Was geschieht, wenn unser Auge eine Rose erblickt? Was tun wir selber dabei?…Wir sind wach und tätig, gewiss. Aber es ist ein unangespanntes Hinblicken – sofern es sich wirklich um eigentliches Anschauen handelt, und nicht etwa um Beobachtung, die schon dabei ist, zu messen und zu zählen. (…) Sowohl die Griechen…wie auch die grossen mittelalterlichen Denker sind der Meinung gewesen, es gebe nicht allein in der Sinneswahrnehmung, sondern auch im geistigen Erkennen ein Element des rein empfangenden Hinblickens, oder, wie Heraklit sagt, des «Hinhorchens auf das Wesen der Dinge».»

Oft meinen wir, das mit Mühe Errungene sei auch irgendwie das «Gute».«Die innerste Meinung aber jener Überwertung der Mühe scheint diese zu sein: dass der Mensch allem misstraut, was mühelos ist; dass er gewillt ist, einzig das mit gutem Gewissen als Eigentum zu haben, was er sich selbst in schmerzhafter Mühsal errungen hat; dass er es ablehnt, sich etwas schenken zu lassen. Bedenken wir einen Augenblick, wie sehr christliches Lebensverständnis darauf beruht, dass es »Gnade« gibt; erinnern wir uns daran, dass der Heilige Gottesgeist in besonderem Sinn selbst »Geschenk« genannt wird.»

Was heisst dies für die «artes liberales», die «freien Künste»? Sie sind nicht mehr frei, wenn sie nur noch «Arbeit» sind, wenn sie nicht mehr aus der «Musse» kommen und wenn sie verzweckt werden.  «Es gibt nicht nur den Nutzen, es gibt auch den Segen.»

Musse und Kult, Gottesdienst: «Man kann sagen, der Kern von Musse sei: Feiern.(…) Das festlichste Fest, das überhaupt gefeiert werden kann, ist der Kult.» Mit Kult meint Pieper das Gotteslob, den Gottesdienst, der aus dem Sabbatgebot kommt.

Fragen:

Sehen wir Kunst nur als «Arbeit» oder auch als «Musse», wie sie Pieper beschreibt?

Wie können wir wieder solche «Musse» gewinnen und «empfangend» schöpferisch sein?

Wie können wir darauf hinwirken, dass in der Kulturszene mehr «Musse» Eingang findet»?

Textzusammenstellung: Beat Rink

A word for burnt-out artists / Ein Wort für ausgebrannte Künstler

By Tune In No Comments

ENGLISH

A couple of days ago,Edgars Mazis shared spiritual reflections with us as part of an ARTS+ conference in Vienna.  Edgars Mazis is a Baptist pastor of a big church in Riga, Latvia. He also leads a discussion group at the National Theatre and another group with actors and musicians (photo) which he organises in collaboration with Guntars Pranis (Crescendo). The main points of his reflections are summarised here.

“For this reason I remind you to fan into flame the gift of God, which is in you through the laying on of my hands, for God gave us a spirit not of fear but of power and love and self-control.” (2 Timothy 1, 6.7)
At times we face difficulties, we are disappointed. One reason for this can be people whom we see as being more spiritual than ourselves. These “more mature Christians” may then begin teaching us because they are concerned about our spiritual life and are worried we are losing our faith…
Or, to take another example: Artists, who are emotional beings, are often driven by passion and emotions; however, more often than not, a time comes, when there isn’t any inspiration left for future work. Despite having run dry emotionally and having lost all desire to be successful artists, they still have to perform on stage. However, this state of being does not pertain to artists alone. Ordinary people find themselves in this situation as well. Unfortunately, there isn’t one perfect solution to this problem. Some start drinking, others go to therapy and others again start stringent exercise programmes.

In Timothy’s case, we cannot say from Paul’s letter what exactly the cause of his sadness and dismay was. Possibly he was being reproached because his father had not adopted the Christian faith, possibly for being too young. At this point Paul encourages him to do something unusual – namely to “fan into flame the gift of God”.
Many of us are familiar with barbecues. The “old way” of getting them started is to use paper and matches in order to get the charcoal going. This process takes time and energy. And this can also be the case with our “spiritual barbecue”. It is difficult to keep our spiritual fire going when we are tired, close to burnout, and doubting our call. At this point, Paul doesn’t encourage Timothy, and in turn us, to do this on his own.  Paul knows that this is the work of the Holy Spirit. All Timothy can do, all we can do, is to hand over this process to Jesus and make room for the Holy Spirit. This may seem to be a passive act. Yet Paul also encourages Timothy in this chapter to take action: he should remember what he has been given and what he has been called to. (“…the gift of God, which is in you through the laying on of my hands”).

From this we can learn two important lessons for our lives:

1. Remember your roots,
2. Remember your divine calling.

Therefore, let us be encouraged by verse 7: We have not received a spirit of fear, but of power and love and self-control.

Text: Edgars Mazis 

DEUTSCH

Vor ein paar Tagen hat Edgars Mazis in Wien im Rahmen einer Konferenz von ARTS+ die untenstehende, hier leicht gekürzte Andacht gehalten. Edgars Mazis ist Pastor einer grossen Baptistengemeinde in Riga. Er leitet seit Jahren einen Gesprächskreis am Nationaltheater und organisiert zusammen mit Guntars Pranis (Crescendo) weitere Künstlertreffen mit Schauspielern und Musikern (Bild). 

„Deshalb ermutige ich dich dazu, die geistliche Gabe wirken zu lassen, die Gott dir schenkte, als ich dir die Hände auflegte. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1, 6.7)

Es gibt Zeiten, in denen wir es schwer haben, in denen wir etwa enttäuscht sind. Da gibt es zum Beispiel Menschen, die sich uns geistlich überlegen fühlen. Diese „reiferen Christen“ beginnen dann möglicherweise, uns zu belehren, weil sie sich Sorgen um unser geistliches Wohl machen und meinen, wir würden den Glauben verlieren…

Oder ein anderes Beispiel: Künstler sind bekanntlich emotionale Menschen, die sich oft von Leidenschaften und Gefühlen antreiben lassen. Doch es  kann eine Periode eintreten, in der die Leidenschaft und Inspiration für die nächste künstlerische Schaffensphase fehlen. Trotz emotionaler Dürre und fehlendem Willen, das Beste zu geben, müssen sie dann etwa als Schauspieler auf der Bühne stehen. Allerdings kennen nicht nur Künstler, sondern auch andere Menschen solche Zeiten der  Lustlosigkeit. Leider gibt es dafür keine Musterlösung. Manche greifen zum Alkohol, andere besuchen eine Therapie und nochmals andere treiben Sport.

Uns wird nicht berichtet, was der Auslöser für die Traurigkeit und Lustlosigkeit von Timotheus war, auf die Paulus in der oben zitierten Bibelstelle anspielt. Möglicherweise wurde Timotheus dafür angeklagt, dass sein Vater kein Christ war, oder er wurde aufgrund seines jungen Alters beschimpft.

Paulus ermutigte ihn nun dazu, etwas Aussergewöhnliches zu tun, nämlich den Geist Gottes in ihm wirken zu lassen beziehungsweise das Feuer seiner gottgegebenen Gaben neu entflammen zu lassen.
Viele von uns kennen und nutzen einen Grill. Die altbekannte Methode, mit Papier und Streichhölzern Kohle zum Glühen zu bringen, fordert viel Zeit und Aufwand. So ist es auch mit unserem „geistlichen Grill“.
Wenn wir müde und dem Ausbrennen nahe sind und dazu noch an unserer Berufung zweifeln, ist es schwierig, das Feuer am Brennen zu halten.

Paulus ermutigt Timotheus und zugleich auch uns, dabei nicht allein zu bleiben. Er stellt klar, dass wir den Prozess an Jesus abgeben und für den Heiligen Geist Raum schaffen sollen, sodass er in uns wirken kann. Dies klingt zunächst sehr passiv.

Doch Paulus ermutigt Timotheus auch zu einer aktiven Handlung: Er soll sich an das erinnern, was ihm geschenkt und wozu er berufen wurde („die geistliche Gabe, die Gott dir schenkte, als ich dir die Hände auflegte“)

Daraus können wir zwei wichtige Dinge für unser Leben lernen:

1. Erinnere dich an deine Wurzeln
2. Erinnre dich an deine göttliche Berufung.

Deshalb sollen wir uns von Vers 7 ermutigen lassen: Wir haben keinen Geist der Furcht geschenkt bekommen, sondern einen Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit.   

Text: Edgars Mazis / Übersetzung: Marion Dirr