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Februar 2018

Joy, humour, fun – Christian virtues? / Freude, Humor, Spass – christliche Tugenden?

By Tune In No Comments

ENGLISH

In recent weeks, there were carnival celebrations in many places. In Rio, Cologne, Mainz and in Switzerland. In my hometown of Basel, the “Fasnacht” has a special satirical character and a strong artistic component which has even been reflected in “highbrow art”, for example in Arthur Honegger’s 4th Symphony or in visual arts.

There are great differences in the ways people celebrate “Fasnacht” and carnival. It would therefore be too simple to label all these popular festivals as general displays of immoral behaviour and to judge them all as being “heathen”.Even if one cannot always share the kind of humour typically practised there, we Christians should nevertheless ask ourselves:
Do we actually have humour too? And to what extent should our art involve humour?  

Here are 10 thoughts on this:  

1.    
Humour is a gift of God and has a liberating and healing effect.

2.
“Being redeemed” is a fact of Christian life. “Do not be afraid! I bring you good news of great joy that will be for all the people. Today a saviour has been born to you!” (Luke 2,10): this is the first and most important Christian message.

3.
“Joy” and “looking redeemed” (Nietzsche) are signs of belonging to Christ, signs of Christian freedom and of putting hope in the Kingdom of God.

4.
The Bible calls us to joy and to letting go of our worries (Philippians 4,4ff– written by Paul from prison; Matthew 5,25ff). Joy is therefore not only a gift and a sign of being redeemed, but also a task.

5.
This includes not only hidden, inner joy, but also obvious joyfulness, humour and laughter. In Romans 12,15 we are asked not only to show sympathy and to share in mourning, but also to “rejoice with those who rejoice”!

6.    
This also means that all of us together can share in joyfulness! When we are together with people who do not believe in Christ, we are often anxious about “unclean humour” and are inhibited and cautious.

7.    
There is laughter in heaven! Where Christians are joyful, the Holy Spirit feels “at home”. People who have had the privilege of being given a glimpse of heaven speak of “laughter in heaven”. Jesus himself had humour, as the wit in some of his words of wisdom and in his parables shows. And every time the Holy Spirit is at work, every time there is awakening, it leads (usually through repentance and deep healing) to joy.

8.
Conversely, it is true that evil powers flee where genuine joy and good humour become habits.

9.   
There is no guarantee that joy and humour will be present in art or in Christian life. In his highly recommendable book “Anleitung für christliche Lebenskünstler” [≈ “Make your Christian life a work of art”] (1995), Christian A. Schwarz writes that “moaning wins you social prestige in the Christian world; frankly admitting your own joy in life makes you suspect.” He could just as well have written that depression wins you social prestige in the art world.

10. 
Not everyone has the same degree of humour or the same kind of humour. Nor can every artist find a place for humour in his work. This is not a problem. Rather, the question is, “Do we mean it seriously when we say gospel is good news? Do we live in keeping with that?” And, finally: “Are we able to tolerate, or even encourage, joy and humour among fellow Christians and also in art?”    

Text: Beat Rink
Translation: Bill Buchanan

DEUTSCH

In den letzten Wochen gab es an vielen Orten Karneval. In Rio, Köln, Mainz und in der Schweiz. In meiner Heimatstadt Basel hat die „Fasnacht“ einen speziell satirischen Charakter und eine stark künstlerische Komponente, die sogar in der „hohen Kunst“ ihren Niederschlag gefunden hat, zum Beispiel in Arthur Honeggers 4.Symphonie oder bei bildenden Künstlern. Es gibt grosse Unterschiede in der Art, Fasnacht und Karneval zu feiern. Deshalb wäre es zu einfach, all diese Volksfeste generell mit unmoralischem Verhalten ineinszusetzen und pauschal als „heidnisch“ zu verurteilen. Auch wenn man die Art des Humors nicht immer teilen kann, die dort gepflegt wird, so sollten wir Christen uns fragen:
Haben eigentlich auch wir Humor? Und inwiefern soll unsere Kunst humorvoll sein?  

Dazu 10 Gedanken:  

1.    
Humor ist eine Gottesgabe und hat befreiende und heilende Wirkung.

2.     
“Erlöst-Sein“ ist eine christliche Tatsache. „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren!“ (Lukas 2,10) ist die erste und wichtigste christliche Botschaft.

3.    
„Freude“ und „Erlöst-Aussehen“ (Nietzsche) sind Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus,  der christlichen Freiheit und der Hoffnung auf das Reich Gottes.

4.    
Die Bibel mahnt uns zur Freude und zum Loslassen der Sorgen (Philipper 4,4ff– von Paulus im Gefängnis geschrieben;  Matthäus 5,25ff). Somit ist Freude nicht nur eine Gabe und ein Zeichen des Erlöst-Seins, sondern auch eine Aufgabe.

5.    
Dazu gehören nicht nur versteckte, innere Freude, sondern auch offensichtliches Fröhlich-sein, Humor und Lachen. In Römer 12,15 werden wir nicht nur zum Mitleid und Mit-Trauern angehalten, sondern es heisst auch: „Freut euch mit den Fröhlichen“!

6.    
Dies heisst auch, dass wir mit allen zusammen fröhlich sein dürfen! Oft haben wir in der Gemeinschaft mit Menschen, die nicht an Christus glauben, Angst vor „unsauberem Humor“ und sind gehemmt und verklemmt.

7.    
Im Himmel wird gelacht! Wo Christen Freude haben, fühlt sich Gottes Geist „zuhause“. Menschen, denen ein Blick in den Himmel vergönnt war, sprechen vom „Lachen im Himmel“. Jesus selber hatte Humor, wie der Witz in manchen seiner Sprüche und in seinen Gleichnissen zeigt. Und jedes Wirken des Heiligen Geistes, jede Erweckungsbewegung mündet (meist durch Busse und tiefe Heilung) in Freude.

8.    
Umgekehrt gilt: Böse Mächte fliehen, wo echte Freude und guter Humor gepflegt werden.

9.    
Freude und Humor sind weder in der Kunst noch im Christ-Sein selbstverständlich. Christian A.Schwarz schreibt in seinem lesenswerten Buch „Anleitung für christliche Lebenskünstler“ (1995): „Jammern verleiht dir in der Christenheit Sozialprestige; das Bekenntnis zur eigenen Lebensfreude macht dich verdächtig.“ Genauso gut hätte er schreiben können, dass Depression in der Kunstwelt Sozialprestige verleiht.

10. 
Nicht jeder Mensch hat das gleiche Mass an Freude oder denselben Humor. Ebenso wenig kann jeder Künstler Humor in sein Werk einfliessen lassen. Dies ist kein Problem. Die Frage lautet vielmehr: Nehmen wir ‘ernst’, dass das Evangelium eine Frohe Botschaft ist? Leben wir danach? Und schliesslich: Können wir sowohl unter uns Christen als auch in der Kunst Freude und Humor dulden und gar fördern?    

Text: Beat Rink

 

Call for Projects: «Living Room 2018» wird vom 30. Juni bis 7. Juli stattfinden, Hardturm Zürich

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Liebe Kunstschaffende, liebe Projektteams, liebe ehemalige und neue Living Room-Freunde

Living Room 2018 wird vom 30. Juni bis 7. Juli stattfinden, wie immer auf der Stadionbrache – und vielleicht zum letzten Mal an diesem wunderbaren Ort.
Die Diskussion, wie wir Stadtleben und Stadträume gestalten, ist dieses Jahr eng verbunden mit der Zukunft der Stadionbrache. Im Herbst wird in der Stadt Zürich über das neue Stadionprojekt abgestimmt. Welche Bedeutung hat die Brache als Freiraum, grünes Paradies und Ort der Projekte für das Quartier und für die Stadt? Living Room 2018 wird die Diskussion mit künstlerischen Mitteln aufgreifen und ein lebendiges Manifest werden für eine Stadt als Oeuvre. Der Leerstand der Stadionbrache ermöglicht temporäre Raumbespielungen, die exemplarisch für eine flexible Nutzung öffentlicher Räume stehen können bildet eine Art Laborsituation, die ein lebendiges Aushandeln der verschiedenen Bedürfnisse ermöglicht.

Im Laufe der Festivalwoche entsteht ein sich ständig transformierender Living Room. Gesucht werden Projekte, die sich mit Fragen nach dem Verhältnis von privat und öffentlich, imaginären Bedeutungsräumen und dem kulturellen Potential des Ortes auseinandersetzen. Installationen, Performances und Musik schaffen Möglichkeitsräume, die Besucherinnen und Besucher zu eigenen Entdeckungen einladen. Bei Gesprächen am Feuer spinnen Kunstschaffende und Festivalbesucher/innen einen roten Faden, der die Installationen verbindet und mögliche Zukünfte entwirft.
Mehr Informationen im Anhang und auf http://www.living-room-stadionbrache.ch

Living Room arbeitet dieses Jahr eng mit dem Leuchtturmfestival zusammen, welches vom 12. bis zum 15. Juli auf der Stadionbrache stattfinden wird. So besteht die Möglichkeit, Installationen für beide Festivals zu konzipieren, resp. sie bis zum 15. Juli stehen zu lassen. Beide Organisationsteams sind offen für Ideen, welche die Anlässe verbinden. Kontakt Leuchtturmfestival: Marco di Nardo, marco@kombo.ch

Planungsparty
Am Samstag, 3. März, laden wir dich herzlich ein zu einer Party des Visions, um 20h bei uns an der Ackersteinstrasse 85.
Informationen zum Festival, einander kennen lernen, erster Ideenaustausch
Jack und ich freuen uns auf einen Abend voller Ideen! Bitte gib Bescheid, wenn du dabei sein kannst.

Call for Projects
Projektidee, ausformuliert in 3-5 Sätzen,
Namen und Disziplinen der Beteiligten,
wenn möglich Skizze oder eine Foto ähnlicher Arbeiten
Budget für Materialausgaben
Kontaktangaben: Mail, Tel., Homepage, wer hat
Deadline: bis 15. März 2017 an annagraber@swissonline.ch

Bitte leite  den Call weiter an Freunde und Bekannte. Wir suchen Installationen, Performances, Musik, Gastköchinnen und -köche, Staff – und vor allem viele neue Ideen!

pdf

Herzliche Grüsse
Anna

anna graber_künstlerin/fotografin_ackersteinstrasse 85_8049 zürich_+41 78 840 72 24_annagraber@swissonline.ch

www.living-room-stadionbrache.ch 

www.cafe-des-visions.ch


Dear artists, dear project teams, dear former and new Living Room friends

Living Room 2018 will take place from the 30th of June to the 7th of July, as always on the stadium fallow – maybe for the last time in this wonderful place.
The discussion on how we shape city life and urban spaces is this year closely linked to the future of the stadium fallow. In autumn, the city of Zurich will be voting on the new stadium project. What significance does this fallow have – as open space, green paradise and place of projects – for the district and for the city? Living Room 2018 will discuss this question with artistic means and become a living manifesto for a city as an oeuvre.

During the festival week, a constantly transforming Living Room will be created. We are looking for projects that deal with questions about the relationship between private and public, imaginary spaces of meanings and the cultural potential of the place. Installations, performances and music create spaces of possibilities that invite visitors to their own discoveries. In discussions by the fire, artists and festival visitors spin a golden thread that connects the installations and creates possible futures.

This summer Living Room will collaborate with the Leuchtturmfestival (July 12 – 15). Installations can be planned for both events. Both teams are open for ideas, that will connect the events. Contact Leuchtturmfestival: Marco di Nardo, marco@kombo.ch

Party des Visions: On Saturday, March 3rd, we cordially invite you to a planning party, at 8pm at Ackersteinstrasse 85. Jack and I are looking forward to an evening full of ideas. Please send a note, if you will join in.

Please send your project sketch for the festival to annagraber@swissonline.ch until March 15th. (3-5 sentences to the project, possibly with sketch or photo, with contact details of all participants and budget for material issues).

Please forward this call to friends and acquaintances. We are looking for installations, performances, music, guest cooks, staff – and above all many new ideas!

Best regards
Anna

P.s. The english dossier is a little bit shorter. Please check the german version to find the timeline. And don’t hesitate to contact me, if you have any questions.

“Half of all the poets and artists were Christians” / „Die Hälfte aller Dichter und Künstler waren Christen“

By Tune In No Comments

ENGLISH

And this is how we imagine the establishing of Christian culture: the misery, suffered in the past and still continuing, provoked by the spirit of atheism and anti-Christianity, shakes the heart of people so that they freely begin to return to Christ and to receiving the gifts of His Spirit in life and culture. This process cannot be initiated externally or under compulsion, but only internally, coming from the heart, and by free choice; it is realised in unity with the free working of God. … Christian culture arises in hearts which, in the process of suffering and disappointment, have turned towards God  it is the visible sign of this turning.”

These words were written by the exiled Russian philosopher Ivan Ilyin (1883-1954) in 1951.  

They come at the beginning of a description of new spiritual awakenings in Russia in the 1970s written by the philosopher Tatiana Goricheva (*1947).
What Ilyin had formulated as a vision was experienced by Goricheva personally:

“I remember how heart-warming and unexpected it was for me to see the rebirth of almost all my friends, who had previously been ironists, cynics, clowns and drinkers. How bright and serious their faces were now, how young they seemed after all, how much calmness was visible in their gestures, words, feelings. Scholars and writers entered monasteries … left the world, culture and science behind them. For many, the words of Rozanov (1856-1919) came true: “In Christ the world became rancid, precisely because of His sweetness. If you once sample the sweetest, rarest, the truly heavenly, you have lost the taste for ordinary bread … only the one who looks attentively to Jesus can commit himself wholeheartedly to art, family, politics or science – those who do not perceive this must be blind…”  

Hardly were we born again, but we became aware of our heathen past.We were not inclined to accept this fact, and some rejected, with a kind of mocking joy, everything with which they had previously filled up their entire lives: writing poems was seen as sin, philosophy as the fruit of arrogance, political work (as dissidents) was a sphere where … shallow and arrogant passions dominated. It was difficult to see anything other than Christ, and, with a kind of enthusiasm, we repeated the words of the apostle Paul: For I resolved to know nothing while I was with you except Jesus Christ and him crucified.” (1 Cor. 2:2).  

But this fleeing from the world was only half the truth. An even more astonishing fact in our lives was that we discovered the world. The miracle of the church had just opened up before us; our chained and oppressed Russian church consumed every fibre of our being, sanctifying our talents and knowledge, reconciling us with the world of culture and confronting us with the words of their best pastors, demanding of us – they did not simply allow us, they demanded of us – that we should be bold and not desert our works. In this way, Christian enlightenment became one of the tasks of the secular apostleship. We asked our spiritual leaders not to speak outside the church buildings (because that was punished as “religious propaganda”), but we lived in harmony with their directions and teachings and brought these out of the church into the world: “What I tell you in the dark, speak in the daylight; what is whispered in your ear, proclaim from the roofs.” (Matt. 10:27.)

We were one in faith, but we had different ministries… One called the church to withdraw from the world, the others called it to stay there and become new workers of enlightenment for the world. Among my friends, both of these categories were found. Personally, I vacillated constantly; I wanted to leave everything behind me at once and lead a secluded life, but at once the world revealed itself again as a reflection of the glory of God, a feeling of inexplicable love for God reconciled me with people, with the books, with the culture, with the whole of this creation that was in love with its creator. There was no painful contradiction between these two poles of my being, because this was a purely psychological, and in no sense an essential, contradiction: in the Orthodox faith, the way of a monk and the way of a lay person is one and the same. In the 1970s, fully half of the unofficial poets and artists in Leningrad were Christians. It was known to everyone that even the official creative elite in Moscow and Leningrad became Christian…”  

Now, it was primarily the simple people who were attracted to the Baptists,because the church service was very simple, but this in turn deterred the intelligentsia; we were also repelled by the narrowness of the Baptist sermons, their black-and-white moralism and the complete absence of all elements of mysticism. And at the same time we were repeatedly surprised by the energy and conviction with which these simple people took part in our seminars, by how they did not let themselves be put off by the semi-bohemian atmosphere which was so unaccustomed for them, how they managed to forgive us our sins and weaknesses – much of this must surely have shocked them: the boldness, for example, of some opinions and the external appearance of all of us, and also that some of us smoked, and our praise of the monasteries, icons and monks. But that which held us together was stronger than all psychological, social and other opposites…”

These were some excerpts from Tatiana Goricheva’s book “Saving the Lost” (1982)

***

So Ivan Ilyin’s vision, outlined above, was partially fulfilled.
What were the features of this spiritual awakening among artists?

1.     It was born under the pressure of suffering.
2.     Artists were stirred and changed by God’s love – Goricheva experienced this love for the first time when she meditated on the “Lord’s prayer” during a yoga lesson.
3.     The consequence of this was a radical following of Christ and the repudiation of the cult of genius fostered by many artists.
4.     Important factors included communities of artists, the Orthodox church and fellowship with other churches (along with a theological seminar that Goricheva led in her apartment)  

Questions (perhaps for an artists’ group):
Is Ilyin’s vision still relevant now? What is necessary to bring it about?    

PS: Tatiana Goricheva was expelled from the country after founding the Soviet Union’s first independent women’s movement, in Russia. After the fall of the regime, she returned to St. Petersburg and became a sharp critic of the new Russia and its inhuman economic neo-liberalism.     

Text: Beat Rink
Translation: Bill Buchanan
Portrait: Tatiana Goricheva (*1947)

DEUTSCH

„Und so stellen wir uns das Werk christlicher Kultur vor: Das Elend, das durch den Geist des Atheismus und des Anti-Christentums hervorgerufen wurde, erschüttert die Herzen der Menschen, so dass sie anfangen, sich frei Christus zuzuwenden und zur Aufnahme der Gaben Seines Geistes in das Leben und in die Kultur zurückzukehren. Dieser Prozess kann nicht von aussen und nicht unter Zwang in Gang gesetzt werden, sondern nur von innen, vom Herzen her kommend und frei …Christliche Kultur entsteht in jenen Herzen, die sich aus Leiden und Enttäuschungen Gott zugewandt haben.Sie ist das sichtbare Zeichen dieser Zuwendung.“

Diese  Worte schrieb der in der Emigration lebende russische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954) im Jahr 1951.
Sie stehen am Anfang eines Berichts über geistliche Aufbrüche im Russland der 1970-er Jahre, geschrieben von der Philosophin Tatjana Goritschewa (*1947). Was Iljin visionär formuliert hatte, erlebte Goritschewa selber:

„Ich erinnere mich, wie herzlich und unvermutet sich für mich die Wiedergeburt fast aller meiner Freunde darstellte, die früher Ironiker, Zyniker, Hanswurste und Trinker waren. Wie hell und ernsthaft waren jetzt ihre Gesichter, wie jung wirkten sie doch, wie viel Stille zeigte sich in ihren Gesten, Worten, Gefühlen.  Gelehrte und Schriftsteller gingen in die Klöster, … Welt, Kultur und Wissenschaft hinter sich lassend. Für viele wurden die Worte Rozdnows (1856-1919) wahr: „In Christus wurde die Welt ranzig, gerade von Seiner Süsse. Wenn ihr nur das Süsseste, das Unerhörte, das wahrhaft Himmlische probiert, so habt ihr den Geschmack an den gewöhnlichen Brot verloren …  nur wer aufmerksam hinschaut auf Jesus, kann sich Kunst, Familie, Politik und Wissenschaft ganz hingeben – wer das nicht wahrnimmt, muss blind sein…“  

Kaum waren wir von neuem geboren, wurde uns unsere heidnische Vergangenheit bewusst. Wir nahmen sie mit Abneigung zur Kenntnis, und manche verwarfen nun mit einer Art von spöttischer Freude alles, was früher ihr ganzes Leben ausgefüllt hatte: Das Schreiben von Gedichten fasste man als Sünde auf, die Philosophie war jetzt eine Frucht des Hochmuts,  politische Arbeit (Disidententum) war eine Sphäre, wo …die seichten und hochmütigen Leidenschaften herrschten. Es war schwer, irgendetwas anderes als Christus zu sehen, und mit einer Art Begeisterung wiederholten wir die Worte des Apostel Paulus: „Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen als Jesus Christus, und diesen als Gekreuzigten.“ (1.Korintherbrief 2,2)

Aber diese Flucht aus der Welt waren nur die halbe Wahrheit. Eine noch verwunderlichere Tatsache war das Faktum, dass wir die Welt entdeckten. Da hatte sich nun das Wunder der Kirche vor uns aufgetan. Unsere gefesselte und niedergedrückte russische Kirche verschlang uns mit Haut und Haar, heiligte unsere  Talente und unser Wissen,  söhnte uns mit der Welt der Kultur aus und forderte uns durch den Mund ihrer besten Hirten heraus. Sie erlaubte es uns nicht nur, nein: sie forderte von uns, dass wir kühn würden und die Werke nicht im Stich liessen. So wurde die christliche Aufklärung zu einer der Aufgaben des weltlichen Apostolats. Wir baten unsere Geistlichen, nicht ausserhalb des Gotteshauses zu sprechen (weil dies als „religiöse Propaganda“  bestraft wurde), aber wir lebten im Sinne ihrer Belehrungen und trugen diese aus der Kirche in die Welt hinaus: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, dass verkündet von den Dächern.“ (Matthäus 10,27)

Wir waren eins im Glauben, aber wir hatten verschiedene Dienste…  Die einen wurden von der Kirche ermutigt, sich von der Welt zurückzuziehen. Die anderen wurden ermutigt, dort zu verbleiben und zu neuen Aufklärern mitten in der Welt zu werden. Unter meinen Freunden fanden sich sowohl die eine als auch die anderen. Ich selbst schwankte ständig; so wollte ich sofort alles zurücklassen  und zurückgezogen leben. Aber sogleich zeigte sich die Welt erneut als Spiegelung der Ehre Gottes, und ein Gefühl unerklärlicher Liebe zu Gott söhnte mich mit den Menschen aus. Und mit den Büchern, der Kultur und mit all der in den Schöpfer verliebten Kreatur. Diese beiden Pole meines Seins standen zueinander in keinem schmerzhaften Widerspruch, weil dies ein rein psychologischer und keineswegs ein wesentlicher Widerspruch war: der Weg eines Mönchs und der Weg eines weltlichen ist in der Orthodoxie ein und derselbe. In den siebziger Jahren zählte sich gut die Hälfte der inoffiziellen Dichter und Künstler in Leningrad zu den Christen. Allen war bekannt, dass auch die offizielle schöpferische Elite von Moskau und Leningrad christlich wurde. …“  

Nun fühlte sich in erster Linie das einfache Volk zu den Baptisten hingezogen,da ihr Gottesdienst sehr schlicht war, was wiederum die Intelligenz davon abhielt. Uns stiess auch die Enge der baptistischen Predigten, ihr geradliniger Moralismus ab, und dass alle mystischen Momente darin fehlten. Und doch waren wir immer wieder überrascht, mit welcher Kraft und Überzeugung diese einfachen Menschen in unseren Seminaren auftraten, und wie sie von der für sie ungewohnten, halb-bohèmenhaften Atmosphäre nicht abgeschreckt wurden; wie sie es schafften, uns unsere  Sünden und Schwächen zu verzeihen. Es musste sie sicher vieles geschockt haben: so die Gewagtheit mancher Meinungen und all unserer Äusseres. Auch, dass manche von uns rauchten, und unser Lob auf die Klöster, auf die Ikonen und Mönche.  Aber das, was uns zusammenfügte, war stärker als psychologische, soziale und andere Gegensätze…“    

***

Soweit die Auszüge aus Tatjana Goritschewa „Die Rettung der Verlorenen“ (1982)   T

Iwan Iljins anfangs zitierte Vision wurde also teilweise wahr. Was waren die Merkmale für diesen geistlichen Aufbruch unter Künstlern?

1.     Er wurde durch einen Leidensdruck hervorgerufen
2.     Künstler wurden von der Liebe Gottes ergriffen und verändert. (Goritschewa selbst hatte diese Liebe zum ersten Mal erfahren, als sie in einer Yogastunde das „Vater Unser“ meditiert hatte.)
3.     Daraus folgte eine Radikalität in der Nachfolge Christi und eine Absage an den Geniekult, den viele Künstler gepflegt hatten.
4.     Wichtige Faktoren waren Künstler-Gemeinschaften, die orthodoxe Kirche und die Gemeinschaft mit anderen Kirchen (zusammen mit einem theologischen Seminar, das Goritschewa in ihrer Wohnung leitete)  

Fragen (vielleicht für einen Künstlerkreis):
Ist die Vision von Iljin noch aktuell? Was braucht es dazu?    

PS: Tatjana Goritschewa wurde, nachdem sie in der Sowjetunion die erste freie Frauenbewegung in Russland gegründet hatte, des Landes verwiesen. Nach der Wende kehrte sie nach St.Petersburg zurück und wurde eine scharfe Kritikerin des neuen Russland und seinem menschenverachtenden wirtschaftlichen Neoliberalismus.

Text: Beat Rink
Portrait: Tatiana Goricheva (*1947)

A word on our own behalf / Ein Wort in eigener Sache

By Tune In No Comments

We have just reached, with 250 TUNE INs, an important mark. This is good reason to pause for a moment and be grateful in our hearts to God, and the same time to thank our readers.

Thank you!
We thank our readers for all the positive feedback which reaches us repeatedly. We feel particularly glad when someone writes, “This was exactly the text I needed today.” Or: “We will discuss it tonight in our artists’ group.” We are well aware that many readers cannot read a TUNE IN every week. That is not so important. Thank you if you read now and again despite that. (You can, by the way, simply delete them from the mailbox and catch up on then later on Facebook or at www.crescendo.org.) Thanks go also to all those who have contributed interesting TUNE IN texts, even if they do not belong to the small regular editorial team.

Worldwide readership
So far, the TUNE INs have been appearing in English, German, French, Greek and Russian. Now Spanish is being added too. On the Facebook page in particular, they can be read in their different languages. With the help of the mailing program, we can always follow where the TUNE INs are opened (see map).

Finances
Week by week, many hours are invested in producing the TUNE INs. In particular very many voluntary hours. Nevertheless, we need finances here as well, for example for mailing them via “Newsletter2go”. If each reader would pay an average of 10 euros or dollars per year, the finances would be covered. And your can of course make it more. We would take very good care of all additional donations and direct them, for example, to our “Crescendo Summer Institute South Africa” from 1st – 8th April, 2018, where financial support is urgently needed. Link to the donation portal: LINK Please specify the purpose: Crescendo / TUNE IN

The next step
We are very motivated to write the next 250 TUNE INs. Every suggestion and impulse is welcome! Thank you for critical feedback as well. Actually, that happens seldom. Yet we would be glad to hear it and would take it seriously. Thank you if you forward the TUNE INs to others and point out to new readers that they can order them directly.

Your TUNE IN editorial team   
Beat Rink / Lauren and Uwe Steinmetz  / Marcel Zwitser /  Beat Rink
Translations: Bill Buchanan, Olga Botschenka, Marini Peikidou, Camila Meneses, Peter Bannister  

Finally, some valuable food for thought from the photographer Platon:   
“A great leader and a great artist is always a servant!”  
At the WEF, the World Economic Forum in Davos, artists were recently the participants in a platform discussion. The statement by the photographer Platon (from minute 44:30 – click unto the picture below) is remarkable! At the end of the platform discussion and the whole forum, by the way, the Davos Festival Chamber Choir sang a sacred work!

VIDEO

DEUTSCH

Wir haben soeben mit 250 TUNE INs eine wichtige Marke erreicht. Dies ist ein Grund, kurz innezuhalten, Gott von Herzen dankbar zu sein und auch unseren Lesern zu danken.

Danke!
Wir danken unseren Lesern für all die positiven Feedbacks, die uns immer wieder erreichen. Besonders freut uns, wenn jemand schreibt: „Gerade diesen Text habe ich heute gebraucht“. Oder: „Wir diskutierten gestern Abend darüber im Künstler-Kreis“. Uns ist bewusst, dass längst nicht alle jede Woche ein TUNE IN lesen können. Das spielt auch keine Rolle. Danke, wenn ihr sie trotzdem ab und zu lest. (Man kann sie übrigens auch getrost aus der Mailbox löschen und sie später auf Facebook oder später auf www.crescendo.org nachlesen.) Danke auch allen, die interessante Textbeiträge beigesteuert haben, auch wenn sie nicht zum engeren Herausgeberkreis gehören.

Weltweite Verbreitung
Bisher erschienen die TUNE INs auf Englisch, Deutsch, Französisch, Griechisch und Russisch. Nun kommt Spanisch dazu. Vor allem auf der Facebook-Seite sind sie in verschiedenen Sprachen zu lesen. Im Mailing-Programm können wir jeweils sehen, wo die TUNE INs geöffnet werden (siehe Karte).

Finanzen
Woche für Woche fliessen viele Stunden in die Herausgabe der TUNE INs. Vor allem viele freiwillige Arbeitsstunden. Trotzdem brauchen wir dafür auch Finanzen, zum Beispiel für den Versand durch „Newsletter2go“. Wenn jeder Leser pro Jahr im Schnitt 10 Euros oder USD bezahlen würde, wären die Finanzen gedeckt. Natürlich darf es auch mehr sein. Jede zusätzliche Spende würden wir gut verwalten und zum Beispiel in unser (dringend auf Finanzen angewiesenes) “Crescendo Sommerinstitut Südafrika“ vom 1.-8.April 2018 einfliessen lassen. Link zum Spendenportal: LINK – Bitte den Zweck angeben: Crescendo / TUNE IN

Wie weiter?
Wir sind sehr motiviert, die nächsten 250 TUNE INs zu schreiben. Jeder Gedankenanstoss und jeder Impuls ist willkommen! Danke auch für kritische Feedbacks. Eigentlich erreichen uns nur wenige. Doch wir wären froh darum und würden sie ernst nehmen. Danke, wenn die TUNE INs weitergeleitet und neue Leser darauf hingewiesen werden, dass man sie direkt bestellen kann.

Eure TUNE IN-Herausgeber  
Beat Rink / Lauren und Uwe Steinmetz / Marcel Zwitser
Übersetzungen: Bill Buchanan, Olga Botschenka, Marini Peikidou, Camila Meneses, Peter Bannister  

Zum Schluss ein wertvoller Gedankenanstoss des Photographen Platon  
„Ein grosser Leiter und ein grosser Künstler ist immer ein Diener!“  

Auf dem WEF, dem Welt-Wirtschafts-Forum in Davos, haben kürzlich Künstler eine Podiumsdiskussion bestritten. Das Statement des Photographen Platon (ab Minute 44:30 (klicke auf das Bild)  ist bemerkenswert! Zum Abschluss der Podiumsdiskussion und des gesamten Forums sang übrigens der Davos Festival Chamber Choir ein geistliches Werk!

VIDEO

Kunstschaffende gesucht für den Kirchentag, FEG Wetzikon, 5.-8. Juli 2018

By Ausschreibungen No Comments

Kunstschaffende in der ganzen Region sind aufgerufen, Teil dieses Projektes zu werden und Kunst in Verbindung mit christlichen Glauben zu zeigen. Mit Deiner Arbeit trägst du dazu bei, der Kunst einen Platz zu geben und damit dem facettenreichen Anlass eine weitere, kreative Note zu verleihen. Selbstverständlich kannst du deine Objekte auch verkaufen und somit begeisterten Käufern nachhaltig Freude bereiten. Mit einem Beitrag von mind. 20% des Verkaufspreises spendest du einen Beitrag an die Unkosten dieses Grossanlasses.

Habe ich Dich neugierig gemacht? Bist Du mit Deinem Kunstschaffen dabei? Das würde mich sehr freuen! Um eine ansprechende Ausstellung zu gestalten bitte ich dich, mir bis am 30. April 2018 mitzuteilen, wie viele Kunstwerke und in welcher Grösse Du ausstellen möchtest.

E-Mail an Elisabeth Baldenweg: e.baldenweg@bluewin.ch

Mehr Infos