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Juni 2017

Das Heilige in der Kunst

By Tune In No Comments

Gerard van der Leeuw (siehe TUNE IN 212) geht in seinem Werk „Vom Heiligen in der Kunst“ einen interessanten Weg. Das Zentrum seines Denkens ist Christus. Von ihm aus denkt eröffnet sich ein weiter Horizont, in dem Kunst als Teil des Schöpfungswerks Platz hat. Nicht nur „christliche“ Kunst oder Kunst von Christen ist Teil der kontinuierlichen Schöpfung Gottes, sondern auch „heidnische“ Kunst. Es lohnt sich, auf van der Leeuw zu hören und zu erkennen: Künstler sind von Gott begabt – und berufen. Sie haben einen wichtigen, sozusagen „heiligen“ Auftrag in der Welt.

„Das Schaffen des Künstlers ist keineswegs eine Parallele zum Schaffen Gottes; es ist sein mattester Abglanz und wird vollkommen vom Leben Gottes überstrahlt. Wer wahrlich der Schönheit dient, der dient Gott. Wer aber Gott dient, der dient darum noch nicht der Schönheit. Gott kann seinem Diener alle schönen Worte und Töne vernichten. Die tiefste, auch die zutiefst religiöse Kunst kann nicht bestehen vor Gottes Angesicht. Bei ihren höchsten Ausdrucksformen empfinden wir Sehnsucht nach einem anderen Bild, einem anderen Klang, nach etwas das keine „Kunst“ mehr wäre. Wer viele Worte hört oder gebraucht, empfindet ein unaussprechliches Verlangen nach dem Wort, dass bei Gott ist. Auch in der Kunst stehen sich Schöpfer und Schöpfung gegenüber wie Gott seinem Bilde im Menschen. Klar und schön bringt Maritain* das zum Ausdruck, wenn er von Gott sagt: „Seine und nur seine Liebe verursacht die Schönheit dessen, was Er liebt, während unsere Liebe hervorgerufen wird durch die Schönheit dessen, was wir lieben.“ So ist Gottes Liebe auch eine ganz andere als die des Künstlers. Alles ist aus Gottes Liebe geworden, auch die Schönheit. Unsere Liebe, mag sie sich auch dem Kunstwerk hingeben, ist nur Gegenliebe.

Dennoch wird uns dieses nicht gesagt, damit wir wieder in Zweifel geraten sollen. Es gibt Schöpfung. Es gibt Abstand. Es gibt Fleischwerdung. Und Nähe. Nach christlichem Glauben ist er, der Himmel und Erde schuf, als Herrscher derselbe, der als Knecht herabstieg auf die Erde…
(So) dürfen wir dennoch glauben, dass Gott uns in der Kunst, im Wort und im Klang etwas von sich gibt; dass wir auch in der Schönheit Anteil haben dürfen an seinem neuschaffenden Werk. Quer durch Natur und Kultur in ihrer heidnischen Heiligkeit hindurch baut sich das Werk der Schöpfung Gottes auf – auch in dem Ihm dienenden Kunstwerk der Menschen…Wir dürfen das scholastische „Gratia naturam non tollit, sed perficit“ (die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie) folgendermassen ändern: Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern schafft sie neu.

Darum gibt es keine „geistliche“ Kunst. Hier warnt uns wieder Maritain*: „Wenn ihr christliche Kunst machen wollt, seid Christen, und sucht ein schönes Werk zu machen, dass ihr euer Herz hinein legt; versucht nicht, es christlich zu machen.“

Textauswahl: Beat Rink
** Jacques Maritain (1882-1973), Französischer Philosoph

Was ist schön?

By Tune In No Comments

Stephan Jon Tramèr: Landscape (Valley of Laufen) * Landschaft (Laufental)

Vom 14.-17. Juni 2018 wird in Augsburg ein Kongress zum Thema „SCHÖN“ stattfinden, organisiert von Johannes Hartl und dem Gebetshaus Augsburg (LINK) – in Zusammenarbeit mit Crescendo und verschiedenen christlichen Kulturschaffenden. Weitere Informationen werden folgen. Als Einstimmung auf das Thema werden wir in den TUNE INs das Thema „Schönheit“ verschiedentlich aufgreifen. Für diese Ausgabe haben wir den bildenden Künstler Stephan Jon Tramèr (*1956) um seine Gedanken gebeten.

“Was ist das Gegenteil von Schönheit? Die Hässlichkeit, wie es das Buch Umberto EcosStoria della Bruttezza“ (dt. Die Geschichte der Hässlichkeit)nahelegt?
Ich schlage vor, dass als Gegenteil der Schönheit nicht die Hässlichkeit zu setzen wäre, sondern die Gleichgültigkeit. Daran können wir uns abarbeiten. Versuchen wir, den Begriff der Gleichgültigkeit daran zu messen, was aus ihr erwächst, werden wir uns vielleicht auf einem Pfad befinden, der uns weiterführen kann. Die Konsequenzen sind jedenfalls enorm. Gleichgültigkeit hat mit Selbsterhöhung zu tun. Daraus entstehen Kriege, Tyrranei, Terror, der global wuchernde Mammonismus, Raubbau an der Schöpfung und ihren Ressourcen (jeder von uns ist davon Nutzniessender), Umweltprobleme wie Klimaerwärmung, Dürre, Ausbreitung der Wüsten, Weltraumschrott, Plastik in den Weltmeeren, Leerfischung der Meeresgründe, Ansprüche des Amerikanismus als Leitkultur der westlichen technischen Zivilisationen, Mobilitätswahn und anderes mehr.

Demgegenüber bedeutete die Schönheit in jeder denkbaren Form eine Wirkung der Anteilnahme, der Empathie, der höchsten anzustrebenden Form von Bewusstheit, welche in letzter Konsequenz immer die Wechselwirkung von Denken, Sprechen und Handeln mit dem Menschlichen, mit allem Geschöpflichen, mit Tieren und Pflanzen, in Zusammenhang bringt. Schönheitslehre wäre also Bildung und Pädagogik, Lehre und Forschung und der Zugang dazu für alle Menschen des Erdkreises. Dies betrifft nicht nur die künstlerische Arbeit, sondern schlichtweg alles, was Menschen tun können.

Schönheit geht mit der Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt nicht zusammen. Die Wirtschaftsordnung, welche unser kapitalistisches System beflügelt (immer mehr, immer weiter, immer schneller), ist die Ausgeburt der Gleichgültigkeit einzig zu meinem Nutzen. Ist das bloss billige Moral? Alles, was die Kirchen in der Vergangenheit zu dem drohenden und real existierenden Desaster beigetragen haben (falsch übersetzter Tanach: macht euch die Erde untertan, anstatt – hebräisch sinngemäss richtig: geht verantwortlich mit meiner Schöpfung um!) hatBewegungen nicht ernstgenommen – Bewegungen wie die moderne Anthroposophie oder die Grünebewegung, die von nicht-christlicher Seite zum Teil wichtige Fragen stellten und Lösungsansätze aufzeigten.
Das sollte Christen zu denken geben. Gleichgültigkeit ist Gottferne. Gleichgültigkeit verursacht die Verhässlichung der Welt. Das Göttliche und Menschliche sind das Lebendige, welche alle Dinge und Phänomene im Zusammenhang mit allem erkennen. Partikularitäten – auch im religiösen Bewusstsein – schaffen abgesonderte Systeme. Individualismen sind Egoismen. Sie erzeugen nur selbstreferenzielle Schönheitsbilder, die flüchtig sind und hierarchisch instrumentalisiert werden als Zeichen von Macht, Propaganda und Einflusssphären. Schönheit ist frei.

Vater,
lass uns erkennen, dass Du uns berufen hast, mit meinem Lebensstil im alltäglichen Handeln zu zeigen, dass Du der Schöpfer aller Schönheit bist im Grössten wie im Kleinsten und dass alles mit allem zusammenhängt.
Wir bitten Dich: öffne unsere Augen, nicht nur unsere schöne Kunstpraxis zu sehen und zu hören, sondern jede künstlerische Aktion im Verbund mit Deinem Auftrag, verantwortlich mit Deiner Schöpfung umzugehen, neu zu erkennen und daraus die zukunftsweisenden Konsequenzen zu ziehen, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, in meinem eigenen Leben. Amen.

Text: Stephan Jon Tramèr

Stephan Jon Tramer
Stephan Jon Tramèr: Birth of the miracle * Geburt des Wunders
www.stephan-jon-tramer.ch

Konkurrenz – muss das sein?

By Tune In No Comments

Concurrere heisst „zusammen laufen“ und ist eigentlich etwas Positives, wenn man sich gegenseitig ansport und ermutigt. Die Realität sieht oft ganz anders aus: Man überholt den anderen lieber und möchte ihn weit hinter sich zurücklassen. Konkurrenzdenken kann in Feindschaft umschlagen. Und das ist Gift: Gift für die Beziehung zum Nächsten, Gift für das eigene Leben und Gift in der Beziehung zu Gott. Und für Künstler oft sogar auch Gift für die Kunst. Ein erster (und der oft schwierigste) Schritt ist das Eingeständnis: Ich neige zu dieser Art von Konkurrenz-denken und Konkurrenz-Verhalten.
Bei einer der ersten Konferenzen unserer Musikerbewegung Crescendo am 27.5.1990 widmete sich der Psychologe Prof. Michael Dietrich diesem Thema. Seine Ausführungen sind nach wie vor aktuell. Hier eine Zusammenfassung:

„Menschen unserer Tage haben fünf grosse Strebungen, in denen sich das Konkurrenzdenken ausprägt. Bitte prüfen sie einmal bei sich selber nach, ob es sich so verhält oder nicht:

1.
Menschen wünschen sich eine optimale Verfügbarkeit über Geldmittel. Oder einfacher gesagt: Man will möglichst hohe Gagen.

2.
Menschen wünschen sich ein möglichst hohes soziales Prestige. Lieber ein grosser Sänger als ein einfaches Chormitglied sein!

3.
Menschen wünschen sich eine optimale Verfügbarkeit über andere. Wer wünschte sich nicht manchmal die «Macht» eines Dirigenten?

4.
Menschen wünschen sich auch ein hohes moralisches Prestige. Ich denke etwa an das Prestige, das aus der Organisation eines Benefizkonzerts erwächst.

5.
Menschen wünschen sich eine optimale Verwirklichung ihres Ichs im Sinne des Aufbaus einer Intimsphäre. Das heisst Menschen möchten auch alleine gelassen sein, Künstler wohl ganz besonders.

Wenn wir nun diese fünf Dinge zusammen sehen, dann müssen wir uns dessen bewusst sein, dass es sich dabei um eine allgemeinmenschliche Realität handelt, zu der wir stehen sollten. Wir alle kennen diese fünf Strebungen, – machen wir uns und anderen nur nichts vor. Auch die Jünger kennen ja die Frage: «Wer von uns ist grösser?»

Diese fünf Strebungen gehören zum Menschsein. Aber: Obwohl wir um den Sieg Christi am Kreuz wissen, obwohl wir auch eine persönliche Beziehung zu ihm haben, müssen wir damit rechnen, dass der «diabolos», der «Durch­einanderwerfer», aktiv wird und uns gerade in den genann­ten fünf Bereichen zu irritieren versucht. Vielleicht so zu irritieren versucht, dass diese Strebungen eine pervertierte Form des Konkurrenzdenkens annehmen, die uns geradezu krank macht.“

Gebet:
Herr, vergib, wo mein Konkurrenzdenken mich und die Beziehung zum Nächsten krank gemacht hat.
Ich vertraue Dir, dass Du mir genau jenes Mass an Erfolg gibst, das für mich gut ist. Und ich nehme es aus Deiner Hand, wenn Andere erfolgreicher sind.
Ich will sie nicht länger als meine Feinde sehen. Lehre mich, sie zu lieben. Lehre mich Demut.
Aber hilf mir auch, mutig weiter zu arbeiten und mein Bestes zu geben.
Du weißt auch, wo ich unter dem Konkurrenzdenken anderer und unter der Konkurrenzatmosphäre in Künstlerkreisen leide. Mach mich zum Werkzeug Deines Friedens! Dass ich Liebe übe, wo man sich hasst. Amen

Text: Beat Rink

Festival für Kunst und Kirche

By Tune In No Comments

Ein Wort von Chris Daza, Malawi, führt fort, was im letzten TUNE IN über ARTreach gesagt wurde. Dazu einige Bilder von der schönen “Nacht des Glaubens. Festival für Kunst und Kirche” vom 2.Juni in Basel

„Kunst kann auf äusserst wirkungsmächtige Weise Gottes Wahrheit vermitteln – auch ohne das tragende Medium des Wortes. Aus unterschiedlichen Gründen können viele Menschen das unmittelbar verkündete Evangelium nicht mehr hören – oder noch nicht hören. Deshalb brauchen Millionen von Menschen aller Altersstufen einen Künstler. Nicht damit dieser sie mit Antworten anpredige, sondern damit er sie in ihren Fragen begleite und geleite – ein Maler, ein Sänger, ein Komponist, ein Musiker, ein Tänzer, ein Bildhauer, ein Dichter. Er wird ihren Fragen Gestalt verleihen. Er wird Aspekte der Schöpfung filigranartig sichtbar machen. Er wird den Kunstempfänger dazu bringen, seinen kleinen Finger auszustrecken, um zu versuchen, das Unsichtbare anzurühren; er wird seine Vorstellungskraft bewegen und ihn einladen, eine Wirklichkeit hinter dem augenfällig Vordergründigen zu entdecken.“

NdG 2017
NdG 06.2017