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März 2017

Von Christen und Menschen der Kunst

By Tune In No Comments

Es gibt Bücher, die mit einem langweiligen Vorwort beginnen, später aber dennoch eine gute Lektüre bieten. Und es gibt Bücher, die bereits von der ersten Zeile im Vorwort an faszinieren. „Vom Heiligen in der Kunst“ (Originaltitel: „Wegen en grenzen“) ist ein 350-Seiten starkes Buch des niederländischen Religionswissenschafters, Theologen, Ägyptologen und Politikers Gerardus van der Leeuw (1890-1950).
Hören wir auf einige Sätze im Vorwort:

“Wer über Religion und Kunst schreibt, kommt mit Menschen zweierlei Art in Berührung: In erster Linie mit Christen verschiedenster Prägung, in zweiter Linie mit Menschen der Kunst. Beide Kategorien sind ziemlich schwierig im Umgang.
Es gibt Christen, die mit Wonne feststellen, dass ein Bild von Rembrandt zwar ganz schön ist, aber doch ebenso vergänglich bleibt wie die übrige Welt. (…)
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, … die sich einbilden, sie hätten die Kunst gepachtet; für die die Ausübung einer Kunst gleichbedeutend ist mit Gottesfurcht und Kultur und Wissenschaft und ähnlichen erstrebenswerten Dingen. Es gibt Christen, die die Kunst schätzen oder gar lieben, aber die sie sogleich in den Dienst ihrer „Überzeugung“ stellen wollen; die der Kunst erst Einlass gewähren in ihr Leben, nachdem sie sie geweiht haben. Sie sind so sehr daran gewöhnt niederzuknien, dass sie alles mit auf die Knie zwingen. Aber sie haben das Aufstehen verlernt. Und niederknien können Sie nur auf dem Rücken anderer.
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, die in dieser „Weihung” die schlimmste Götzendienerei erblicken. Für sie gibt es nichts Höheres als die Schönheit und eigentlich nichts ausser der Schönheit. Es ist ihnen nicht möglich, den Zusammenhang zwischen Kunst und Leben zu finden, und schon gar nicht zwischen Kunst und Lebensgrenze. Sie stehen stolz und aufrecht da, aber sie können nicht niederknien und eigentlich auch nicht mehr einfach sitzen.
Es gibt Christen, für die die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Schönen und dem Heiligen sich erschöpft in der Frage nach den sittlichen und pädagogischen Anforderungen, die man an ein Kunstwerk stellen muss; für die ein “christliches“ Buch ein Buch ist, in dem nicht geflucht, sondern gepredigt wird, für die “christliche“ Musik eine Komposition ist, frei von den Makeln, die der Oper und dem Tanz (gäbe es ihn nur!) anhaften, und für die ein christliches Bild ein Kunstwerk ist, auf dem jeder ordentlich angezogen ist, und das vorzugsweise biblische Figuren darstellt.
Es gibt andererseits Menschen der Kunst, für die die Kunst sich erschöpft in einem rein formalen Spiel von Farben und Klängen, von Linien und Formen. Menschen, die, wenn Gott mit Donner und Blitz sein Gesetz vom Sinai herab verkündet, nur Augen haben für die Glut und die Tiefe der Landschaft.
Es gibt… noch viele andere! Ihnen allen wird diese Untersuchung nicht viel zu sagen haben.
Aber ich hoffe, dass es doch auch noch Christen und Menschen der Kunst gibt, die anders darüber denken. Vielleicht einige… grosszügige, humane Christen und einige tiefe, ehrfürchtige Diener der Kunst; Christen, die gelernt haben, in der Erscheinung ihres Herrn die ganze Welt der Erscheinungen zu lieben; Diener der Schönheit, die sich bewusst sind, dass ihre Liebe Ihm gilt, der die Schönheit selbst ist und mehr als die Schönheit. Vielleicht gibt es sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite Menschen, die ihre Knie nicht vor dem Baal gebeugt haben, dem Baal des selbstgemachten Christentums oder der selbstgemachten Kultur, die aber vor Gott niederknien können, immer und überall.”

Der Mann im Turm

By Tune In No Comments

Anlässlich der dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel, dem Mekka der modernen Kunstszene, beauftragte die katholische Kirche den Künstler Stephan Balkenhol mit der künstlerischen Ausgestaltung von St.Elisabeth. Die Kirche befindet sich dem Ausstellungsgelände gegenüber. Balkenhol schuf grosse Skulpturen für den Kirchen-Innenraum: vor allem Menschen in Alltagskleidern. In den Turm stellte er eine goldene Kugel und darauf einen Mann mit ausgebreiteten Armen. Damit löste er ein riesiges Echo aus. Nicht nur dass Leute bei der Feuerwehr anriefen und meldeten, jemand wolle vom Kirchturm springen – worauf die Feuerwehr tatsächlich ausrückte. Viel schlimmer: Die Documenta-Leitung forderte die sofortige Entfernung der Figur. Ihr Hauptargument: Die Figur störe das Ausstellungs-Konzept. Die dOCUMENTA (13) wolle bewusst den „Anthropozentrismus“ ins Visier nehmen. Die Kuratorin Carolyn Christa-Bakargiev sagte: „Es wird der Versuch unternommen, das menschliche Denken nicht hierarchisch über die Fähigkeiten anderer Spezies und Dinge zu stellen.“ Das heisst: Der Mensch hat im Kosmos keine Sonderstellung, sondern steht auf derselben Stufe wie ein Hund oder eine Erdbeere. Deshalb forderten die Documenta-Macher denn auch demokratische Strukturen für Erdeeren und Hunde. Was humorvoll klingt, war sehr ernst gemeint. Und sehr ernst war deshalb auch der Protest gegen den „Anthropozentrismus“ der kirchlichen Installation. Dir Kirche gab aber nicht nach.

Was war nun aber die Botschaft von Balkenhol?
Der Künstler äusserte sich dazu nicht. Das Werk lässt bewusst einen grossen Interpretationsspielraum. Was sehen wir darin? Schauen wir für einige Augenblicke hin und fragen uns: Wie wirkt dieses Werk auf mich? Gibt es Bereiche in meinem Leben, wo ich mich so fühle wie dieser Mann? Wie regiere ich dann?

Wie können wir das Werk von Balkenhol interpretieren?
Hier ein Vorschlag:
– Der Mann steht tatsächlich auf einer anderen Stufe als eine Erdbeere oder ein Hund. Er ist erhöht und damit ein Protest gegen die Documenta. Er erinnert an Psalm 8: „Du hast ihn (den Menschen) wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt.“
– Der Mann steht auf einer Kugel. Sie gleicht der Weltkugel, auf der die Glücksgöttin Fortuna oft dargestellt wird. Das Glück ist labil, und so droht auch der Mann jederzeit herunterzufallen. Der Mann wirkt aber viel unsicherer als die Fortuna etwa beim „Komm, spiel mit dem Glück!“ Der Mann scheint zu sagen: „Wie bin ich nur hierhergekommen? Ich muss aufpassen, dass ich nicht herunterfalle.“ Vielleicht erinnert dies uns an 1.Korinther 1,12: „Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle“.
– Die Kugel und die Stellung der Arme nehmen auf, was auf der Kirchturmspitze zu sehen ist: Die (Welt)Kugel und darüber das Kreuz. Der Mann ahmt die Form des Kreuzes nach. Im 1.Ko. 11, 1 steht: „Ahmen wir Christus nach!“ Der Mann tut dies etwas zaghaft, ist aber dennoch mutig.
– Der Mann ist (anders als Fortuna) nicht allein. Der Kirchturm (die Gemeinschaft der Christen) schützt ihn. Und er ist unter dem Schutz des Kreuzes, das über der Weltkugel thront. Ist das „Anthropozentrismus“? Nein, eher „Theozentrismus“ – und somit erst recht das Gegenteil der dOCUMENTA (13)-Ausrichtung. Aber in einem treffen sich beide Anliegen: In der Infragestellung der menschlichen Herrschaft. Balkenhol war sich der Dimension „Gottes“ sehr wohl bewusst. So weigerte er sich zum Beispiel, die Bänke aus der Kirche zu entfernen, um mehr Platz für seine Ausstellung zu haben!
– Ein Letztes: Die Kugel dreht sich im Wind nach allen Richtungen. Damit wird Geste des Mannes irgendwie zu einer Segensgeste („Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen“, Matthäus 5,44)

Fazit:
Der Mann ist also ein Nachahmer – ein Nachfolger Christi. Die Welt unter seinen Füssen schwankt und dreht sich. Er mag sich unsicher fühlen und Angst haben. Aber er weiss: „Über mir ist das Kreuz, dem sogar die Erde untertan ist. So stehe auch ich fest. Und ich kann meine Hände sogar zum Segen ausbreiten.“

Gebet:
Herr, Du kennst die Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich fühle wie der Mann im Turm. Aber ich will ernst nehmen, was in Deinem Wort steht: „Alle eure Sorge werft auf ihn denn er sorgt für euch.“ Ich vertraue Dir, dass ich nicht falle. Lass mich erfahren, dass Du mich festhältst. Ich nenne gerade jetzt folgenden Bereich und folgende Lebenssituation: ….
Ich will meine Arme zum Segen ausbreiten über folgenden Menschen und Situationen: …..
Amen

Text: Beat Rink

Improvisation und Heiliger Geist

By Tune In No Comments

Eine Tagung, die letzte Woche auf Einladung des Jazzmusikers Uwe Steinmetz in der theologischen Fakultät Leipzig stattfand, galt dem Thema: „Jazz und Liturgie“. Prominente Jazzmusiker und Theologen aus verschiedenen Ländern traten in einen regen Dialog. Die Diskussion kreiste unter anderem um die Frage: „Was kann Theologie vom Jazz lernen?“ Diese Frage ist ungewöhnlich. Im Allgemeinen geht sie in die andere Richtung: „Was können Jazz (und überhaupt Musik und Kunst) von der Theologie lernen?

Der Theologe Prof. Jeremy Begbie sprach über: „Der Heilige Geist als Improvisator“. Wie die meiste Musik (auch Klassik!) aus dem Wechselspiel zwischen vorgegebenen Regeln und Kontingenz, d.h. aus unvorhersehbaren Momenten entsteht, so eröffnet auch der Heilige Geist einen Zwischenraum zwischen Ordnung und Unordnung. Man könnte diese Zwischenraum Nicht-Ordnung (non-order) nennen. So gehört zum Beispiel das Phänomen des Lachens weder der Ordnung noch der Unordnung zu, sondern der Nicht-Ordnung. In diesem Improvisations-Raum entsteht Neues, Überraschendes und Unvorhersehbares. Improvisation bezieht sich dabei nicht nur auf das Vergangene, sondern antizipiert auch Zukünftiges. So ist auch das Wirken des Heiligen Geistes ein Vorgeschmack der neuen Schöpfung. Improvisation braucht dazu aber eine Bedingung: Freiheit von Angst.

Anknüpfend an diese Gedanken aus dem (viel umfassenderen) Vortrag von Jeremy Begbie, können wir uns sehr konkrete Fragen stellen:

Wo erleben wir, dass der Heilige Geist mit uns „improvisiert“ hat oder „improvisieren“ möchte?

Wo erleben wir in unserem Leben und in unserer Kunst einen un-kreativen Stillstand, weil wir Angst haben vor Neuem?
Vielleicht bleiben wir beim Vergangenen stehen, weil wir darin Halt und Sicherheit suchen.

Wo möchte der Heilige Geist etwas Gutes in unserem Leben aufnehmen, um es weiterzuführen? Vielleicht etwas, das wir vergessen oder für tot erklärt haben? Vielleicht etwas, was wir rebellisch über Bord geworfen haben – und die Folge sind nun eher Unordnung und Chaos.

Wo möchte Gott, dass wir Neues wagen und uns im Vertrauen auf ihn in ein „neues Land“ begeben? „Neuland“ ist übrigens der Titel einer sehr spannenden christlichen Konferenz in der Schweiz Ende Jahr – mit einer interessanten „Kunstzone“ (LINK).

Nehmen wir uns in den nächsten Tagen bewusst Zeit, um darüber nachzudenken. Lesen wir dazu, was Jesus in Johannes 3 über den Heiligen Geist schreibt und dazu 2.Korinther 5,17

Text: Beat Rink

Haben wir noch Humor? (3)

By Tune In No Comments

Lachen und Situationskomik in der Bibel?

Es gibt in Lukas 8, 40-56 zumindest eine weitere Szene (über die in TUNE IN 208 behandelte hinaus), die dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Es ist ein verhaltenes Lächeln, kein satirisches Lachen. Jesus merkt, wie eine Kraft von ihm ausgeht, weil ihn jemand auf besondere Weise angerührt hat. Der Leser weiss: Es ist die Frau mit Blutfluss. Nun verwundert sich sowohl der Evangelist als auch Petrus, dass Jesus fragt: „Wer hat mich angerührt?“ Denn es gibt ein grosses Gedränge um Jesus herum. Wie kommt er dann auf Idee, so zu fragen?
Diese Szene hat eine gewisse Situationskomik. Um eine Situation als komisch zu erfahren, braucht es jedoch einen Beobachter mit Humor. (Kleine Zwischenfrage: Man stelle sich einen Jesus-Film vor, in dem solche Situationskomik verfilmt wird. Undenkbar! Sind die Jesus-Filme und ist unser Bild von Jesus vielleicht zu doketisch?)

Lukas hatte wahrscheinlich Humor. Dies lässt auch sein Bericht in Apostelgeschichte 12 vermuten: Petrus wird von einem Engel aus dem Gefängnis befreit und geht nun zum Haus seiner Freunde. Als er dort an die Haustür klopft und die Magd Rohde den Apostel sieht, läuft sie vor Aufregung zu ihrer Herrschaft – und lässt Petrus vor verschlossener Tür stehen und geduldig weiterklopfen. Der arme Petrus wird gerade aus dem Gefängnis befreit und steht schon wieder vor verschlossener Tür!

In Johannes 21,7 findet sich eine andere Situationskomik, auf die der Gräzist und Literaturwissenschafter Walter Jens (1923-1913) hingewiesen hat: Petrus erblickt vom Boot aus den Auferstandenen und schwimmt nun zu ihm, zieht sich aber vorher noch voller Aufregung die Kleider an, um ja nicht nackt vor seinen Herrn zu treten. Nun, wie schwimmt es sich in Kleidern? – Schon wieder Petrus…Fast scheint, als sei Petrus im Kreis der Jünger die „Lachnummer“ gewesen. Vielleicht ist er selber ab und zu geneckt und wegen seiner Ungeschicklichkeit und Impulsivität liebevoll gehänselt worden.

Eine letzte Lach-Szene in Lukas 8 kommt uns aus dem Vers 53 entgegen. Hier allerdings wird Jesus sozusagen ausgelacht. Man versteht nicht, dass er mit einem anderen, göttlichen Blick erkennt: Dieses tote Mädchen ist noch nicht wirklich im Totenreich angekommen; es ist zwar eingeschlafen, aber nicht für immer. Dieses Lachen gleicht jenem von Sara, die nicht glauben kann, dass ihr Gott noch in hohem Alter Nachwuchs schenken will. (Genesis 18,12) Es ist das Lachen der Menschen, denen Gottes Wirken zu wunderbar und unglaubwürdig ist.

Zurück zur oben gestellten Frage in der Klammer: Ist unser Jesus-Bild, ist vielleicht unser Glaube zu doketisch? Doketisch heisst: “In schroffer Opposition zur irdischen Welt, zu den geschaffenen Dingen.” Doketismus ist ein unterschwelliger Grundzug in manchen Kirchen. Es gibt dafür kein theologisches Recht, denn Gott hat die Welt geschaffen. Und Jesus war „ganz Gott und ganz Mensch“! Der Doketismus könnte auch dafür mit-verantwortlich sein, dass Kunst in den Kirchen zu wenig geschätzt wird. Denn Kunst ist in sich anti-doketisch. Und er könnte auch der Grund dafür sein, dass in den Kirchen zu wenig gelacht oder zumindest gelächelt wird…

Fragen:
Was heisst das Gesagte für unsere Kunst – auch für unsere Kunst in der Kirche? Wo ist mein Glaube noch zu doketisch?

Text: Beat Rink