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August 2016

Tipps für dem Kampf im (Künstler-)Alltag – Phil. 1,27-30

By Tune In No Comments

Nach dem “13. internationalen Crescendo Sommerinstitut” (25.Juli-8.August 2016) schrieb Ning Kam, die Violine unterrichtete, folgende Worte: „Das Institut war eine wirkliche Offenbarung und eine erfrischende Erfahrung. Es ist nicht immer der Fall, dass man zu einem Musikfestival geht und danach „frisch im Geist“ zurückkehrt. So genoss ich zum Beispiel die Kleingruppen-Treffen enorm… Ich habe allen gesagt, dass Crescendo auf erfrischende Weise anders ist als die gewöhnlichen „säkularen“ Meisterkurse. Denn während man dort meist schamlos Werbung in eigener Sache macht und die eigene Karriere verfolgt, konnte man bei Crescendo vom Tag eins an tiefe Gespräche führen, in denen deutlich wurde: Da wird man als Mensch ernst genommen – ob man nun Christ ist oder nicht, was ja auch bei vielen der Fall war. Das ist einzigartig. Und das ist so kostbar.
Ning Kam war nicht die einzige Person, die einen so starken Unterschied zum „gewöhnlichen“ Leben als Musiker empfand. Dies sagt viel über den Alltag aus, dem ein Musiker ausgesetzt ist. Und nicht nur ein Musiker, sondern auch manche Künstler anderer Sparten.
Wie können wir nun als Christen in diesem Alltag bestehen – inmitten von schwierigen Arbeitsbedingungen und oft belastenden Beziehungen? Im Philipperbrief 1,27 erinnert Paulus daran, „des Evangeliums würdig“ zu wandeln. Er gebraucht dieses Wort „würdig“ in Zusammenhang mit dem Thema „Kampf für das Evangelium Christi“. Tatsächlich ist der Alltag oft ein Kampf! Was heisst nun „würdig kämpfen für das Evangelium“? Es wird aus dem Kontext rund um diesen Bibeltext klar:

Nicht um „eitler Ehre willen“ (Phil. 2,3) kämpfen. Das heisst: sich nicht über andere erheben „for the advancement of one’s own career“, wie Ning Kam es formuliert.

Nicht Zank suchen (Phil. 2,3). Nicht im allgemeinen negativen Gerede mitschwimmen. Sich nicht von Kritikgeist mitreissen lassen.

Radikale Liebe üben – auch seinen „Feinden“ gegenüber („Seid gesinnt wie Christus auch war“ – Phil 2,5)

Unerschrocken kämpfen für die gute Sache: sich nicht von anderen einschüchtern lassen, wenn man angegriffen wird (Phil 1, 28). Angegriffen? Sicher wird man nicht physisch bedroht, aber wo Christen in der Kraft der Liebe Gottes „wandeln“, rufen sie Gegenmächte auf den Plan. Man kann verbal oder auch non-verbal „angegriffen“ und zum Beispiel mitleidig belächelt oder respektlos behandelt werden, weil man mehr auf die Kraft der Liebe Gottes vertraut als auf menschliche Macht.

Wissen: Gott trägt den Sieg davon! (Phil. 1,28)

Sogar „um Christi willen“ leiden können (Phil 1,29). Das heisst aber nicht: Passiv und tatenlos bleiben, sondern eben für die gute Sache kämpfen.

Einmütig kämpfen – in „einem Geist“ (Phil, 1,27). Das heisst: nicht Einzelkämpfer bleiben. Orte suchen und Orte schaffen, an denen Künstler zusammenkommen und sich gegenseitig „im Kampf“ stärken können. So wie es z.B. das “Sommerinstitut” jedes Jahr bietet. Oder wundervolle Projekte anderer Organisationen. Aber auch während des Jahres sind solche Orte möglich: etwa regelmässige oder sporadische Treffen in kleinem Kreis! Wir helfen gern mit, dass sie ohne grossen Aufwand entstehen können.

Philipper 1, 27-30:
Wandelt nur würdig dem Evangelium Christi, auf daß, ob ich komme und sehe euch oder abwesend von euch höre, ihr steht in einem Geist und einer Seele und samt uns kämpfet für den Glauben des Evangeliums und euch in keinem Weg erschrecken lasset von den Widersachern, welches ist ein Anzeichen, ihnen der Verdammnis, euch aber der Seligkeit, und das von Gott. Denn euch ist gegeben, um Christi willen zu tun, daß ihr nicht allein an ihn glaubet sondern auch um seinetwillen leidet; und habet denselben Kampf, welchen ihr an mir gesehen habt und nun von mir höret.

Text: Beat Rink

Künstlerische Beiträge – Reformationsjubiläum St. Gallen

By Neuigkeiten, Ausschreibungen No Comments

Die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum der Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen starten am Reformationssonntag 2017 und enden am Reformationssonntag 2018.
Das Reformationsjubiläum hat das Ziel ein neues Verständnis dafür zu schaffen, was die Reformation, die
Reformierten und die reformierte Kirche sind und wofür sie stehen: semper reformanda – einen fortlaufenden Reformationsprozess! Der Reformationsprozess richtet den Blick auf die Grundlagen des Glaubens, die Gestaltung von Kirche und den Lebensentwurf der Glaubenden. Kirchliche Kreise und die breite Öffentlichkeit sollen mit Impulsen zu diesen Themen erreicht werden.

Beiträge für Gottesdienste oder Einzelveranstaltungen
ARTS+ wurde von einem Mitglied der Strategiegruppe Reformationsjubiläum angefragt, Kunstschaffende und Künstlergruppen in ihrem Umfeld anzusprechen, künstlerische Beiträge für Gottesdienste oder Einzelveranstaltungen (wie z.B. Ausstellungen, Performances etc.) zu entwickeln, die die Inhalte der vier Jubiläumsziele aufgreifen und von den Kirchgemeinden der Evang. ref. Kirche des Kantons St. Gallen gebucht werden können.

Projektideen gesucht
Projektideen aus allen Sparten der bildenden und darstellenden Kunst können bis am 31. August 2016 bei ARTS+ unter projekte@ap.weiter.ch eingereicht werden. Voraussetzung für alle Projektideen ist, dass sie den Jubiläumszielen entsprechen und die inhaltlichen Beurteilungskriterien erfüllen.

ARTS+ wählt aus den eingereichten Projektideen fünf verschiedene aus und reicht sie als Paket bei der Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen ein. Die angenommenen Projekte werden von der St. Galler Kirche finanziell mit unterstützt in Form eines Beitrags an die Entwicklungskosten und einer Subvention an buchende Kirchgemeinden.

Die genauen Ziele sowie die detaillierten Kriterien findest du hier.

Die Umkehr des verlorenen Grossvaters

By Tune In No Comments

Im TUNE IN 180 sind wir einigen Spuren nachgegangen, die die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukasevangelium Kap. 15) in der Kunst- und Musikgeschichte hinterlassen hat, und die im Leben eines jungen Mannes aus Thailand eine wunderbare Fortsetzung gefunden hat.
Hier folgt ein weiteres Beispiel:
Wer kennt nicht das berühmte Kinderbuch Heidi (1880)? Was wenigen Lesern bekannt ist: „Heidi“ von Johanna Spyri (1827-1901) ist eine Erzählung mit einer starken christlichen Botschaft – unter anderem mit der Botschaft vom „verlorenen Grossvater“, wie der Zürcher Theologieprofessor Ralph Kunz schreibt. In vielen Ausgaben und Verfilmungen von „Heidi“ wurde diese christliche Botschaft allerdings herausgestrichen.

Worum geht es?
Das Waisenkind Heidi kommt zu seinem Grossvater auf der Alp. Der Alp-Öhi, wie er genannt wird, ist verbittert. Die Leute im Dorf munkeln, er habe eine dunkle Vergangenheit. Und es wird deutlich: Die Dorfbewohner sind Teil seiner Verbitterung und Verstockung. Aber nun kommt Heidi, die nichts von diesen Gerüchten weiss. Das Herz des Grossvaters wird weich, die harte Schale zerbricht an der Liebe des Kindes. Später bekommt Heidi in Frankfurt ein Buch mit der Geschichte vom verlorenen Sohn geschenkt. Diese Botschaft bringt sie zurück zum Grossvater.

“Ist denn das nicht eine schöne Geschichte, Grossvater?” fragte Heidi, als dieser immer noch schweigend dasass und es doch erwartet hatte, er werde sich freuen und verwundern. “Doch, Heidi, die Geschichte ist schön”, sagte der Grossvater; aber sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und seine Bilder ansah. Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Grossvater hin und sagte: “Sieh, wie es ihm wohl ist”, und zeigte mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn. Ein paar Stunden später, als Heidi längst im tiefen Schlafe lag, stieg der Grossvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lämpchen neben Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das schlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem Grossvater reden musste, denn lange, lange stand er da und rührte sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hände, und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen!” Und ein paar grosse Tränen rollten dem Alten die Wangen herab.“

„Und auch dem Leser und der Leserin werden die Augen feucht“, schreibt Ralph Kunz. „Die Geschichte des bekehrten Grossvaters ist rührselig – in einem ganz qualifizierten Sinn. Selig, wer sich von dieser Geschichte rühren lässt. Was mich fasziniert an dieser Nacherzählung ist die Veränderung des Motivs. Dass der Grossvater das Verhältnis zu seinem himmlischen Vater erneuert, ist sozusagen nur die Hinterbühne des Geschehens. Die Geschichte hat auf der Vorderbühne eine andere Drehung.
In Spyris Auslegung kehrt nicht nur ein verlorener Sohn zum Vater zurück, sondern der Grossvater findet über die Rückkehr des Kindes seinen verlorenen Gott wieder. Die Rollen sind vertauscht. Das Kind macht durch seine Reinheit die Hintergrundsgeschichte der Liebe Gottes durchsichtig. Heidi erinnert den Öhi an das, was er einmal geglaubt hat. Heidi wird zur Interpretin des Evangeliums, weil sie unbelastet von den Altlasten der Dorfkirche die reine Gottesliebe verkörpert.“

Mich selber fasziniert an „Heidi“ zudem, wie der christliche Glaube hier literarisch Gestalt gewinnt. Zweifellos ist eine Spur „Kitsch“ dabei. Doch das ganze Buch wird von einem sanften Hauch Alpen-Romantik durchweht. Und auf der anderen Seite werden die Christen im Dorf überhaupt nicht durch eine romantische Brille gesehen. Johanna Spyris Theologie ist auch an anderen Stellen von „Heidi“ sehr glaubwürdig und geprägt von einem eigenen tiefen Glaubensleben der Autorin.

Oft hört man Fragen wie: „Hat die christliche Botschaft genügend Kraft, künstlerisch Gestalt anzunehmen?“ An einem Buch wie „Heidi“ erkennt man einmal mehr, dass die Frage anders lauten müsste. Nämlich: „Hat unsere eigene Kunst noch die Kraft (und den Mut), dem Glauben Gestalt zu geben?“ Dass dann die christlichen Teile eines Werks übersehen, angegriffen oder gar herausgestrichen werden könnten, liegt nicht mehr in der Verantwortung des Künstlers.

Text: Beat Rink

Gebet für geistig Schaffende

By Tune In No Comments

Nicht viele Theologen denken über Kunst nach. Und noch wenigere beten für Künstler. Nicht so der katholische Theologe Karl Rahner, aus dessen „Gebet für geistig Schaffende“ hier einige Ausschnitte folgen:

Ewiger Gott, Schöpfer aller Menschen und aller Dinge, der unsichtbaren und der sichtbaren, Gott aller Geschichte, Herr und Ziel, Kraft und Licht aller Kultur,
wir bringen heute unsere Fürbitte dar
für alle Kulturschaffenden.
Herr, wer betet schon für sie? Und doch wissen wir:
Du willst ihr Ziel und ihre schöpferische Kraft, ihre Arbeit und ihr Werk.
Denn Du willst den Menschen in der ganzen, immer neuen Entfaltung seines Wesens, …Du liebst den Menschen, der an seinem Werk sein eigenes Wesen verwirklicht, findet und aussagt, das Wesen, das ein Bild und Gleichnis Deiner eigenen Herrlichkeit ist.
Was sie nach Deinem Willen sein sollen, können sie nur sein mit Deiner Gnade,
Vater der Dichter, urewiger Ursprung allen Lichtes, Geist aller wahren Inspiration.

Darum also bitten wir Dich und rufen Deinen Heiligen Geist auf sie herab:
Erwecke unter uns Menschen schöpferischer Kraft, Denker, Dichter, Künstler.
Wir brauchen sie.
Auch von ihnen gilt noch das Wort, dass der Mensch mit dem Brot des Lebens allein verhungert, wenn ihm das Wort aus Deinem Munde nicht Nahrung wird…

Sie brauchen Dich nicht immer im Munde zu führen:
Sie sollen Dich beim Namen nur nennen, wenn der Atem der reinsten Seligkeit oder der letzten Schmerzen sie erfüllt.
Sonst sollen sie die Erde und den Menschen rühmen.
Aber sie sollen dabei immer verschwiegen Dich im Herzen tragen, aus dem ihr Werk entspringt.
Dann ist das kleinste Lied noch ein Widerklang des Jubels Deiner Himmel,
und ihr Bericht über die finstersten Abgründe noch umfasst von Deinem Erbarmen und einer Sehnsucht nach dem Licht, der Gerechtigkeit und nach der ewigen Liebe.
Dann ist sogar der Versuch zu unterhalten noch ein Abglanz der sanften Geduld, mit der Du uns Alltägliche liebst.

Gib ihnen den Mut zum Licht und zur Freude.
In der Finsternis dieser Zeit, bei der kargen Armut unserer Herzen ist solcher Mut Deine Gnade.
Aber gib sie ihnen, denn wir bedürfen solchen hohen Mutes.
Gib ihnen den Mut der Unterscheidung und der Entscheidung.
Sie sollen nicht viel vernünfteln. Aber ihre Werke sollen erkennen lassen, dass ein ungeteiltes Herz sie erschaffen hat, das, allem offen, doch in allem Dich sucht und alles in Dir, und keinen feigen Frieden kennt zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Lichten und dem Finstern.
Gib ihnen den Mut zu immer neuem Anfang, weil sie nur so ihren Ursprung finden in dem uralten Wahren.

Lass sie sagen, was Dein Geist ihnen ins Herz gegeben hat, nicht das, was die Mächte hören wollen, in denen das Durchschnittliche sich zusammenballt.
Wenn sie die Erfahrung der Vergeblichkeit machen, des Brechens ihres Schöpfertums und der Unempfänglichkeit ihrer Zeit,
lass sie auch dann noch glauben, dass vor Dir die Vergeblichkeit nicht vergebens ist,
dass Du mit Entzücken ihr Werk gesehen und ihr brechendes Herz mild an Deines genommen hast. …

Amen

Von der hohen Kunst der Gleichnisse

By Tune In No Comments

Choreography by Balanchine. Prodigal Son 4/4

Wenn wir nach Kunst in der Bibel fragen, nennen wir meist die Psalmen, die Sprüche oder dann Texte über den Bau der Stiftshütte oder des Tempels. Zu den herausragenden Kunstformen der Bibel gehören aber auch die Gleichnisse von Jesus. Wer möchte bestreiten, dass Jesus nicht ebenso wie ein grosser Künstler es fertig brachte, mit grosser Anschaulichkeit und obgleich weniger mit dichterischer Sprachgewalt, so doch mit einer eindringlichen Bildhaftigkeit seine Lehre weiterzugeben?
Allerdings – beim Wort Lehre zucken wir Künstler zusammen. Kunst darf doch nicht “lehren“, sie darf nicht didaktisch sein und nicht plakativ. Dieser antididaktische Reflex, den wir alle wohl kennen, entspringt dem Leiden an schlechter Kunst, auch an schlechter christlicher Kunst.
Solcher Kunst steht aber eine lange Tradition in der Kunst-, Literatur und Musikgeschichte gegenüber, die grossartige Werke mit didaktischer und moralischer Note hervorgebracht hatten. Ja, jede grosse Kunst ist wohl in einem gewissen Sinn didaktisch, weil sie uns eine bisher so nie gekannte Anschauungs- und Gedankenwelt eröffnet.
Darum konnte Friedrich Schiller auch von der “ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts“ sprechen und mass Berthold Brecht seinem „epischen Theater“ erzieherische Wirkung zu. Didaktisch im platten Sinn wäre ein Kunstwerk dann, wenn es sich problemlos, ohne substantiellen Verlust paraphrasieren, d.h. in umschreibende, vielleicht auch theoretische Begriffe fassen liesse.

Bei den Gleichnissen von Jesus merken wir: Wir können zwar von der Liebe Gottes reden – aber keine Begriffe können uns die Intensität vermitteln, die wir beim Hören etwa der Geschichte des Verlorenen Sohns empfinden. Die Bilder, die Jesus uns mit den Gleichnissen nahe bringt, sind unvergleichlich intensiv. Sie sind Metaphern, denen ein eigenes “Gewicht“ zugestanden werden muss. Deshalb ist ganz entscheidend, wie ein solches Gleichnis in eine andere Kunstform übersetzt wird. Bleiben wir einmal beim Verlorenen Sohn, so finden wir jene wunderbar innige Darstellung der Vaterliebe bei Rembrandt. Ein modernes Pendant dazu ist die Choreografie von Sergej Prokofiews Verlorenem Sohn durch den grossartigen Choreographen George Balanchine. Schauen wir diese Heimkehrszene einmal im Youtube an. Was sehen wir da? Der Verlorene Sohn klammert sich wie ein Ertrinkender an den Vater, der sich nicht leicht erweichen lässt. Trotz wunderbarer Musik und grossartigem Tanz malt dieses Ballett ein anderes Bild als Jesus es uns naheliegt. Eine dritte Übertragung des Gleichnisses in eine moderne Form nimmt Floyd Mc Clung in einem seiner Bücher vor. Es ist eine grossartige Umsetzung des Gleichnisses in einer simplen Geschichte. Das Brisante daran ist: Es ist eine tatsächliche Geschichte, also keine „Kunst“ in engerem Sinn. Manchmal verwischen die Grenzen von Kunst und Leben eben. Und man könnte nun höchstens noch weiterdenken und sich vorstellen, der Künstler Christo würde sich dieser Geschichte annehmen (siehe seine verhüllten Bäume im Bild rechts).

Aber lassen wir uns durchaus von dieser kraftvollen Geschichte über die Vaterliebe bewegen: Sawat war ein Thailänder aus christlichem Elternhaus. Da er sich in dem kleinen Dorf, in dem seine Eltern wohnten, nicht mehr wohl fühlte, riss er aus nach Bangkok. Dort geriet er bald in einen Sumpf und liess sich auf Mädchenhandel und Drogengeschäfte ein. Er wurde reich. Doch dann nahm alles eine rasche Wende. Ein Unglück folgte dem anderen. In der Unterwelt verbreitete sich das Gerücht, Sawat sei ein Polizeispitzel. Er war am Ende. In dieser schlimmen Situation erinnerte er sich an seine Eltern und daran, dass sein Vater beim Abschied zu ihm gesagt hatte: “Ich warte auf dich.” Ob das immer noch stimmte? Sawat entschloß sich, einen Brief zu schreiben. Darin schrieb er: „Am Sonntagabend werde ich in dem Zug sein, der durch unser Dorf fährt. Wenn du immer noch auf mich wartest, häng bitte ein weißes Stück Stoff an den Baum vor unserem Haus!“ …
Der Zug fuhr und fuhr, und Sawat war voller Unruhe. Was sollte er tun, wenn kein weißes Stück Stoff an dem Baum hing, wenn sein Vater ihm nicht vergeben wollte? Schließlich ertrug er die Spannung nicht mehr. Er schüttete dem freundlichen, alten Herrn, der ihm gegenüber saß, sein Herz aus. Als der Zug sich dem Dorf näherte, sagte er zu ihm: “Ich wage es nicht, zu dem Baum hinzusehen. Würden Sie das für mich tun?” Sawat fing an zu weinen und verbarg das Gesicht in den Händen. “Unser Haus müßte schon zu sehen sein,” sagte er schluchzend, “es ist das einzige Haus mit einem Baum davor.” “Junger Mann,” sagte der Mitreisende nun, “ich sehe den Baum und das Haus. Ein Stück Stoff, sagten Sie? Nicht nur ein Stück Stoff hängt an dem Baum – der Baum ist ganz und gar mit weißen Stoffstücken behängt! Und da steht ein Mann davor, der ein riesiges Stoffstück hin- und herschwenkt…

Text: Beat Rink