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Januar 2016

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1)

By Tune In No Comments

Ein schlecht recherchierender Kriminalkommissar
Kann man sich über einen glänzend geschriebenen, spannenden Kriminalroman aus der Hand eines bedeutenden Schriftstellers ärgern? Man kann! Zum Beispiel, wenn der vielgepriesene Schweizer Theater- und Romanautor Hansjörg Schneider im Buch „Hunkelers Geheimnis“ (das übrigens gerade in unserem Stadtteil spielt!) schreibt: „Er spazierte durch die Missionsstrasse Richtung Innenstadt, vorbei am Park der Basler Mission. Ein riesiges Gebäude inmitten hoher Bäume. Er hatte keine Ahnung, wer dort arbeitete oder wohnte. Eine seltsame Idee, dachte er, von Basel aus die armen Heiden zu missionieren. Wem hat diese Mission genützt? Den armen Heiden? Oder doch eher den Baslern? Das alte Gebäude zeugte jedenfalls von beträchtlichem Reichtum.“
Nun muss man bei einem literarischen Text bekanntlich immer in Rechnung stellen, dass die Meinung einer fiktiven Person nicht unbedingt jene des Autors wiedergibt. Aber wo solchen Sätzen (geäussert von der durchaus sympathischen Hauptperson) im Roman nicht widersprochen werden, spricht auch der Autor. Und es sind nicht die einzigen Statements gegen das Christentum in diesem Buch. An anderer Stelle wird sogar gesagt, dass auch die Nazis Christen gewesen seien. Der Kriminalkommissar hat hier keine gute Recherche betrieben!

Unter Intellektuellen und Künstlern schick: Theologische Ignoranz und Christentum-Kritik
Nun wäre dies alles halb so schlimm, wenn es nicht beweisen würde, was in kulturellen Kreisen zu beobachten ist: Eine grosse Unwissenheit und Ignoranz im Blick auf die Kirchengeschichte und die Bibel. Es ist sehr erstaunlich, wie wenig selbst hochgebildete Intellektuelle und Künstler über Theologie und nur schon über Grundaussagen der Bibel wissen. Damit einher geht eine negative Grundstimmung gegenüber dem Christentum. „Unter vielen westlichen Intellektuellen gehört es zum guten Ton, schlecht über das Christentum zu reden. Sie sehen darin eine rückständige Religion, die es verpasst habe, mit der Moderne und deren Anforderungen Schritt zu halten, und die deswegen dem Fortschritt der Zivilisation im Wege stehe. Wenn sie sich dennoch einmal mit dieser Religion beschäftigen, dann höchstens in der Form einer zur Überheblichkeit neigenden Belustigung. Für den revolutionären Geist, der dem christlichen Denken innewohnt, interessiert sich die vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft kaum.“

Christentum bringt Freiheit
Dies schrieb vor wenigen Tagen eine der grössten Schweizer Tageszeitungen in der Rezension von Larry Siedentorps Studie «Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt». Darin legt der 80-jährige amerikanische Politikwissenschaftler, der an den Universitäten in Sussex und Oxford lehrte, auf 500 Seiten dar: „…dass das christliche Gottesverständnis das Fundament für eine menschliche Gesellschaftsordnung legte, die es vorher so noch nicht gegeben hatte.“ Fazit: Die heutige freiheitliche Gesellschaftsordnung (die ja von verschiedener Seite bedroht ist) ist ein Produkt des Christentums. So radikale Aussagen wie die des französischen Königs Ludwig X (1289-1316) sind nur auf dem Hintergrund der Botschaft zu verstehen: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“: „Da nach dem Recht der Natur jeder frei geboren wird ,und dennoch durch alten Gebrauch viele Leute des gemeinen Volks in das Band der Knechtschaft in vielerlei Gestalt gefallen sind, was uns sehr missfällt, denken wir daran, dass unser Reich das Reich der Freien (Franken) heisst; und wir wollen, dass die Umstände diesem Namen entsprechen und allen …die in die Banden der Knechtschaft gefallen sind, Freiheit gegeben werde…“.

Das Gespräch nicht aufgeben!

Eine erste Lektüre in diesem Buch bestätigt, was zahlreiche theologische Bücher (die aber meist nur von Christen gelesen werden) längst schreiben: Die Freiheit unserer modernen Welt hat christliche Wurzeln. Nun ist diese Freiheit längst bedroht – entweder durch einen falsch verstandenen Freiheitsbegriff oder durch andere Rechtsvorstellungen: etwa durch einen unmenschlichen Kapitalismus, durch undemokratische Regierungsformen oder durch fundamentalistisch-islamische Rechtsvorstellungen. Umso wichtiger ist es, auf die christliche Freiheit hinzuweisen und das Gespräch über den Glauben (auch in Künstlerkreisen!) nicht aufzugeben.

Zur Freiheit befreit
Diese sprachliche Wendung bei Paulus ist seltsam. Sie unterstreicht: Wo wir Christus in unserem Leben wirken lassen, erfahren wir eine revolutionäre Befreiung, die von Gott nicht mehr weggenommen. Denn Christus hat am Kreuz endgültig das Geld bezahlt, um uns von der Sklaverei unseres eigenwilligen Wesens und der Gottesferne freizukaufen. Das meint Erlösung. Freiheit meint aber paradoxerweise Bindung an Christus: Je mehr wir mit Christus verbunden sind, desto freier sind wir. Und je weiter weg wir von Christus sind, desto mehr geraten wir in ungesunde Abhängigkeiten und Zwänge – wie die gesetzlichen Galater, an die Paulus schreibt. Was in den grossen geschichtlichen Zusammenhängen sichtbar wird, erfahren wir auch in unserem ganz persönlichen eigenen Leben – und dann hoffentlich auch in seinen Ausstrahlungen nach aussen hin.

Fragen zum weiteren Nachdenken:

Wo bin ich in innere Zwänge geraten, die mir die Freiheit rauben? Vielleicht sind es sogar religiöse Zwänge wie bei den Galatern. Dann kann ich dazu „Nein“ sagen, indem ich zu Jesus Christus „ja“ sage. Dann kann ich ihn bitten, dass sein Geist noch stärker in mir wirkt und mir wirkliche Freiheit schenkt. (2. Korinther 3,17: Denn der HERR ist der Geist; wo aber der Geist des HERRN ist, da ist Freiheit.

Wo kann ich das Gespräch über den Glauben und die „Freiheit des Christentums“ suchen – oder mich mutig in solche Gespräche einmischen?

Text: Beat Rink

Die Botschaft in Alfred Manessiers “Favelas”

By Tune In No Comments

Ich bin in einem Künstlerhaus aufgewachsen, in dem das Werk des französischen Malers Alfred Manessier (1911-1993) eine grosse Rolle spielte. Dessen Bilder und Glasscheiben, die der „lyrischen Abstraktion“zugeordnet werden, faszinierten auch mich bereits als Kind – wie eben Kinder von interessanten Formen und Farben begeistert sind. Die Tiefe im Schaffen Manessiers entdeckte ich erst später.

Alfred Manessiers doppelte Bekehrung
Jérôme Cottin, Professor für praktische Theologie an der Universität Strassburg und ein grosser Experte für zeitgenössische Kunst mit christlichen Bezügen (siehe www.protestantismeetimages.com<http://www.protestantismeetimages.com>), schreibt: „Während des 2.Weltkriegs erlebte er (Manessier) eine zweifache Bekehrung: eine zum Christentun und eine andere zur nicht-figurativen Kunst. Eigentlich führte die erste Bekehrung zur zweiten. Manessier stammte aus einer areligiösen Familie. Im September 1943 wandte er sich dem christlichen Glauben zu, als er im Trappistenkloser von Soligny einen Mönchschor das „Salve Regina“ singen hörte. Als Christ begann Manessier dann an einem figurativen Bild mit religiösem Inhalt zu arbeiten: Abendmahl zu Emmaus. Aber es gelang nicht, was er folgendermassen kommentierte: „Als ich das Kloster verliess, wollte ich meiner Erfahrung Ausdruck geben, indem ich drei heilige Menschen an einem Tisch malte. Es ging nicht. Dies brachte mich zur Einsicht, dass es wohl einfacher sein müsse, meine Erfahrung auszudrücken, wenn ich ganz auf Figuren verzichtete.“
Vielleicht ist die Abstraktion – oder eher: die Abwesenheit erkennbarer Gegenstände – tatsächlich besser geeignet, die geistliche Tiefe und das innere Gebet eines Menschen in Bildsprache zu übersetzen. Abstraktion ist ausserdem eher angebracht, wo es um das Neue in der Botschaft und in der Person von Jesus Christus geht, der als Auferstandener keinem anderen erkennbaren Gesicht und keiner Person zu vergleichen ist. Das Thema der Passion, nun auf nicht-figurativem Weg dargestellt, wird Manessier für den Rest seines Lebens begleiten. Zwischen 1948 und 1987 malt er nicht weniger als 33 Bilder zur Passion. Gewiss, er hatte sich nach dem „Salve Regina“ bekehrt, doch als treuer Leser des Evangeliums gab er Jahre später an: „Unsere Zeit verstehen heisst erkennen, dass wir das Evangelium brauchen – um vieles mehr als das Salve Regina. Wir können uns nicht selbst erlösen“
(zit. nach ArtWay Visual Meditation October 12, 2014, www. artway.eu<http://www.artway.eu>)

Favelas
Zwischen 1973 und 1983 malte Manessier eine Serie von fünf Bildern, die er „Favelas“ nannte. Favelas sind Elendsviertel in Brasilien. Die ersten Favelas entstanden vor über 100 Jahren am Stadtrand von Rio de Janeiro. Sie waren Wohnort der früheren Sklaven, die kein Land als Eigentum besaßen und keine Aussicht auf Arbeit hatten. Über die Jahre sind v. a. schwarzafrikanische Sklaven in jene Viertel gezogen. Es gab viele Versuche, diese handgebauten Vorstädte, in denen die ärmsten der Armen wohnten, zu zerstören. Doch ohne Erfolg – sie haben sich im letzten Jahrhundert unaufhaltsam vervielfacht. 2010 lebten nach Schätzungen etwa 11,3 Millionen Menschen (6% der brasilianischen Bevölkerung) in Favelas. Die meisten und größten dieser Viertel befinden sich in Rio de Janeiro und São Paulo. „

“Favelas I-V“: Konkrete Betroffenheit
Es handelt sich bei diesen grossformatigen Bildern nicht um rein abstrakte Werke. Man erkennt in ihnen die Häuser. Trotzdem fügen sie sich zu einer abstrakten Form zusammen. Man könnte auch umgekehrt sagen: Die grossen Linien und Formen, wie man sie in Manessiers abstrakten Werken findet, verbinden sich hier mit der Darstellung oder zumindest mit der Andeutung von Häusern mit Dächern, Fenstern und Türen. Auf einmal sind für den sonst abstrakt malenden Manessier konkrete Dinge wichtig. Diese Abkehr von der Abstraktion kann als Signal für höchste Betroffenheit gedeutet werden. Diese offensichtliche Betroffenheit, die auch den Betrachter erfasst, gilt der Not dieser furchtbar armseligen, auf engsten Raum zusammengepferchten Behausungen.

“Favela II” und Hélder Câmara
Über Favela II liegt der Schatten des Kreuzes. Das Bild ist dem berühmten brasilianischen Bischof Hélder Câmara (1909-1999) gewidmet, der einer der wichtigsten Gegner der Militärdikatur und engagierter Kämpfer für die Armen war. In Wort und Tat trat er sehr mutig auf. „Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Frage ich aber, weshalb die Armen nichts zu essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten.“
Für die Männer in den Favelas formulierte er im Jahr 1956 zehn Gebote: 1. Ein Mann – ein Wort. 2. Hilf deinem Nachbarn. 3. Seine Frau zu schlagen, ist feige. 4. Ohne Beispiel keine Erziehung. 5. Ein Mann trinkt nicht bis zur Bewusstlosigkeit. 6. Spiele um Geld werden verbannt. Fußballspielen ist gestattet. 7. Es ist nicht schwierig, anderen Befehle zu erteilen. Schwierig ist es, sich selbst zu gehorchen. 8. Der Kommunismus löst nichts. 9. Ich will mein Recht. Also tue ich meine Pflicht. 10. Wir sind nichts ohne Gott.

Hoffnung, Glaube und Liebe
Hier drei weitere Beobachtungen, die man der berühmten Trias von Paulus zuordnen könnte. So wie Helder Camara HOFFNUNG in die Favelas brachte, sind diese auf Manessiers Bildern nicht einfach in Dunkelheit getaucht. Es gibt Licht! Und vielleicht hat der Maler bei Favela II an ein anderes Wort von Camara gedacht: „Herr, wenn das Kreuz nackt auf uns fällt, zermalmt es uns. Wenn mit dem Kreuz Du kommst, küsst Du uns.“
Die Bilder sprechen von Not – und strahlen zugleich eine seltsame Ruhe aus. Die Ruhe erinnert an die sakralen Werke von Manessier. Sie treibt ins Gebet, in die Fürbitte. Auch hier wird Manessier dem GLAUBEN von Helder Camara gerecht, wenn dieser aktive Kämpfer für Gerechtigkeit schreibt: „Mit gefalteten Händen kann man weit mehr bewirken als mit tätigen Händen.“
Manessiers Abkehr von der abstrakten Form hin zu den Favelas, das heisst hin zu jedem einzelnen, detailliert gemalten Haus, kann meiner Meinung nach als Zeichen gedeutet werden für die Zuwendung Gottes zu uns. Gott wendet sich in seiner LIEBE jedem einzelnen Menschen zu.

Text: Beat Rink